Es gibt bernsteinhafte Zeilen, die uns erlauben, den Geist, das Lebensgefühl oder wenigstens das unverwechselbar Charakteristische einer vergangenen Epoche zu betrachten. Eine gelang Ernst Blass, der sich später noch ziemlich genau an den Abend des 31. Januar 1912 erinnern konnte.
Nachdem er sich mit den Herren „W. F.“ und „H.“ im Englischen Café getroffen hatte, ging Blass durch die „nachtumwaldete Tauentzienstraße“. Als er dann das Gedicht „An Gladys“ zu Papier brachte, habe er „das Inhaltsmäßige“ gefühlt. Wie man halt die Straßen entlang geweht kam …
So elegant wie der Entlanggewehte präsentiert sich das ganze Sonett, das zwar zu den Eröffnungsfanfaren des literarischen Expressionismus gezählt werden darf, aber ganz auf überladene Bilder und pathetische Ausrufe verzichtet. Schon das Motto wendet sich allenfalls augenzwinkernd an Wagners Abendstern.
Die Begeisterung für die Großstadt, die leichte Unruhe angesichts ihrer nächtlichen Verzerrungen und Verführungen prickelt dann angenehm vor sich hin. Der sanfte Berichterstatter mit den blauen Augen ist offenkundig gut gelaunt und nimmt sich selbst nicht übertrieben ernst. So fühlt es sich wohl an, wenn man mit weichem Glücke ganz belaubt ist.
An Gladys
O du, mein holder Abendstern …
Richard WagnerSo seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät…
Laternen schlummern süß und schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht…
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen!
Der Autor
Ernst Blass wurde 1890 als Sohn einer jüdischstämmigen Fabrikantenfamilie in Berlin geboren. Schon in jungen Jahren hatte er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, was ihn allerdings nur zeitweise daran hinderte, sich einerseits dem bürgerlichen Erwerbsleben (Jurastudium, Tätigkeit bei der Dresdner Bank) und andererseits seinen künstlerischen Interessen zu widmen. Nach „Die Straße komme ich entlang geweht“ (1912) veröffentlichte Blass drei weitere Lyrikbände, die sich stilistisch vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit wandten. Außerdem schrieb er Erzählungen, Essays und zahlreiche Filmkritiken für das „Berliner Tageblatt“. Ein schweres Augenleiden und die Drangsalierung durch die Nationalsozialisten überschatteten seine letzten Jahre. Ernst Blass starb 1939 an den Folgen einer Lungentuberkulose.


