Vom Menschen geliebt, vom Menschen bedroht

Aus Film und Werbung sind Pinguine nicht mehr wegzudenken. Doch in ihren natürlichen Lebensräumen auf der Südhalbkugel kämpfen viele der insgesamt 18 Arten um ihr Überleben. Denn auch wenn ihnen die Herzen der Menschen nur so zufliegen, bedrohen deren handfeste wirtschaftliche Interessen die Existenz der sympathischen Vögel. Der britische Wissenschaftler Peter Fretwell hat den Pinguinen nun ein faszinierendes Buch gewidmet.

Fretwell erinnert zunächst daran, dass die Europäer, die im 16. Jahrhundert auf ihren Entdeckungsreisen zum ersten Mal auf Pinguine trafen, diese vor allem als ausgezeichnete Nahrungsquelle ansahen. Die riesigen Vogelkolonien erschienen den an Mangelernährung und Skorbut leidenden Schiffsbesatzungen als ein Geschenk des Himmels. Zu Tausenden wurden die Vögel abgeschlachtet und wanderten in die Kochtöpfe der Seeleute. Manche Polarexpedition verdankte ihr Überleben allein dem Fleisch und den Eiern der Pinguine. Und das, obwohl beiderlei Geschmack sehr umstritten war:

„Einige Aufzeichnungen weisen darauf hin, dass Pinguin wie Gans schmeckt, viele andere beklagen sich hingegen über den eher fischigen Geschmack. Die Eier waren auch nicht besser. Eier, die nach Fisch schmecken, waren nicht jedermanns Sache. Zumal Pinguineier in der Antarktis spezielle, an die Kälte angepasste Proteine enthalten, sodass das Eiweiß nach dem Kochen durchscheinend und gummiartig bleibt und das Eigelb eine blutrote Farbe annimmt. Selbst hungernde Polarforscher bevorzugten daher Robbenfleisch.“

Dem Run auf Pinguineier konnte dies jedoch nicht aufhalten. Auf dem Höhepunkt des Seehandelsverkehrs gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurden bis zu 700.000 Pinguineier jährlich gesammelt. Nicht nur für die Pinguine, auch für die lokale Bevölkerung waren hier auf einmal Nahrungskonkurrenten auf den Plan getreten, deren Konsum rasch existenzbedrohende Ausmaße annahm. Dabei war dies erst der Auftakt zu einem unvorstellbaren Blutbad. Ins Visier der kommerziellen Ausbeuter gerieten sämtliche Tiere des Südpolarmeers, Seebären, See-Elefanten, Wale – und immer häufiger auch die Pinguine. Dabei ging es insbesondere um die Ölgewinnung.

Die Ölausbeute einzelner kleiner Pinguine aber versprach wenig Profit. Dies erkannte auch der neuseeländische Geschäftsmann Joseph Hatch. Basierend auf seinen Beobachtungen bei den Walfängern, entwickelte er Ende des 19.Jahrhunderts einen „penguin digester“, einen Pinguin-Dampfdruckkocher. „Da er nicht jeden Pinguin einzeln häuten musste und Hunderte auf einmal verarbeiten konnte, wurden sie plötzlich zu einem rentablen Geschäft,“ so Fretwell. Die Kocher wurden mitten in die Pinguinkolonien gestellt und dann randvoll mit bis zu 1000 toten Vögeln befüllt: „Nach dreitägigem Kochen produzierte jeder Pinguinkadaver 0,5 Liter hochwertiges Maschinenöl.“

Im 20. Jahrhundert geriet das massenhafte Abschlachten (nicht nur) der Pinguine in die Kritik und wurde nach und nach weitestgehend eingestellt. Eine Entwarnung für die 18 südlich des Äquators lebenden Pinguinarten war dies jedoch nicht. Dem an der Westküste Südamerikas lebenden Humboldtpinguin zerstörte der Mensch seine Lebensgrundlage. Die Pinguine gruben ihre Bruthöhlen in die bis zu 60 Meter hoch aufgetürmten Berge aus Vogelexkrementen. Als der Mensch den stickstoffreichen Guano als hervorragenden Dünger entdeckte, baute er ihn zielstrebig ab und vernichtete die Pinguinhöhlen dadurch vollständig.

Der Lebensraum zahlreicher Pinguinkolonien wies Überschneidungen mit menschlichen Interessengebieten auf. So bedrohten küstennahe Siedlungen die natürlichen Lebensräume und durch die industrielle Fischerei konkurrierte der Mensch mit den Pinguinen um ihre Nahrung. In manche Lebensräume der flugunfähigen Vögel schleppte der Mensch bis dahin unbekannte Säugetiere ein, denen die Pinguine hilflos ausgeliefert waren. Hunde, Ratten und Mäuse dezimierten manche Kolonie nahezu vollständig.

Auf dem Land hatten die Pinguine den Beutegreifern kaum etwas entgegenzusetzen. Das hing mit der Entstehungsgeschichte dieser Vogelart fernab von Zivilisationen und Raubtieren zusammen. Im Laufe der Jahrmillionen haben sie sich an ganz besondere ökologische Nischen angepasst und es geschafft, den eisigen Temperaturen in der Antarktis zu trotzen. Sie sind hervorragend an die jahreszeitlichen Temperatur- und Eisschwankungen angepasst. An Land bewegen sie sich gehend, hüpfend und rutschend zwar eher tollpatschig, im Wasser aber werden sie zu Akrobaten. Aufgrund ihres abgewandelten Körperbaus „fliegen“ sie auf der Nahrungssuche blitzschnell bis in große Tiefen durch das Meer, können ihre Atmung bis zu 30 Minuten aussetzen, den Blutkreislauf entsprechend anpassen und am Ende mit beeindruckenden Sätzen aus dem Wasser aufs Land springen.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese charismatischen Sympathieträger aus Film und Werbung kaum mehr wegzudenken sind. Fast jeder Mensch hat ein Bild des Vogels vor Augen, doch in freier Wildbahn gesehen haben ihn zumindest die Menschen auf der Nordhalbkugel in den wenigsten Fällen. Kein Wunder, dass immer mehr zu einer Kreuzfahrt in die antarktischen Gewässer aufbrechen, um den „beliebtesten Vogel der Welt“ wahrhaftig zu erleben. „Heute befördert die Antarktis-Kreuzfahrtindustrie pro Saison rund 200.000 Reisende“, schreibt Fretwell. Auch wenn der Antarktistourismus durch Verträge geregelt ist, negative Auswirkungen durch den damit einhergehenden enormen CO2-Abdruck seien trotzdem damit verbunden.

Eindrucksvoll schildert Peter Fretwell, leitender Wissenschaftler bei der British Antarctic Survey, anhand seiner langjährigen Erfahrungen und Beobachtungen die dramatischen Folgen des Klimawandels am Beispiel der in der Antarktis lebenden, größten Pinguinart, dem Kaiserpinguin. Diese Vogelart brütet auf dem sich im antarktischen Herbst (März/April) bildenden stabilen Meereis. Dort wird das Ei vom Männchen ausgebrütet und das Küken vor dem antarktischen Winter mit Temperaturen bis zu minus 60 Grad behütet. Erst ab Dezember, wenn das Küken sein endgültiges, wasserdichtes Gefieder entwickelt hat, kann es selbst auf Nahrungssuche gehen. Wenn aber durch den Klimawandel das Meer später zufriert und auch früher wieder abtaut, wird es eng für den Nachwuchs der Kaiserpinguine. Auf dem Eis fallen sie in Schmelzwasserlachen und erfrieren in den Nächten zu Tausenden oder sie ertrinken in den Fluten des Meeres.

„Das geschieht bereits mit alarmierender Geschwindigkeit. 2022 führte ein außergewöhnlich frühes Abbruchereignis dazu, dass es in 19 der insgesamt 66 Kaiserpinguinkolonien zu Eisabbrüchen kam, bevor die Jungen flügge waren. Zehntausende Küken starben. Da das Meereis weiter zurückgeht, sieht es so aus, als würde sich die Geschichte in den kommenden Jahren wiederholen, nur schlimmer. Neuere Modelle der Populationsentwicklung sprechen dafür, dass die Art 2100 fast ausgelöscht sein wird. Aktuellen Daten zufolge ist die Lage noch dramatischer und die Zahl der Kaiserpinguine geht noch schneller zurück als prognostiziert.“

Düstere Aussichten, die nur durch den zeitnahen Stopp der globalen Erwärmung abgewendet oder zumindest abgemildert werden könnten. Dass sich diesbezüglich jede Anstrengung lohnen würde, stellen Peter Fretwell und die Künstlerin Lisa Fretwell, die für die wundervollen Zeichnungen verantwortlich zeichnet, mit ihrem liebevollen und von Sorge geprägten Blick auf die Pinguine eindrucksvoll unter Beweis.

Peter Fretwell & Lisa Fretwell: Das kleine Buch der Pinguine. Alles über die beliebtesten Vögel der Welt, Penguin Random House, München 2026, ca. 300 Seiten, 22 Euro