Am Klavier von Albertus Magnus

Er war einer der außergewöhnlichsten Pianisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, doch die Klavierstücke, die Eugen d´Albert für „sein“ Instrument schrieb, werden nur noch selten aufgeführt. Sofja Gülbadamova hat vier von ihnen nun auf dem Steinway-Flügel eingespielt, der sich seit 1898 im Besitz des Komponisten befand.

D´Alberts bekanntlich nicht leicht zu beeindruckender Lehrer Franz Liszt war von seinen pianistischen Fähigkeiten so begeistert, dass er ihm den Spitznamen „Albertus Magnus“ gab. Aber auch Arthur Sullivan, Ferrucio Busoni, Johannes Brahms und viele andere Größen des europäischen Musiklebens priesen die Virtuosität und Tiefe seines Klavierspiels. Clara Schumanns fiel außerdem auf, dass der junge Mann, der ihr 1881 vorgestellt wurde, nicht nur „vortrefflich unterrichtet“ war, sondern auch „ganz hübsch“ komponieren könne.

Sofja Gülbadamova belegt diese These mit der „Suite in fünf Sätzen“, die um 1880 entstanden sein dürfte und zeigt, wie souverän der 16-Jährige barocke Formen für die Gegenwart und seine eigenen pianistischen Bedürfnisse zu adaptieren verstand. Am Ende der CD begegnen wir demselben Komponisten auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft. Die fast 20 Jahre später komponierten „Vier Klavierstücke“ bilden ein originelles, höchst facettenreiches Tongemälde, das die zugrunde liegenden Muster Walzer, Scherzo oder Ballade nur noch zum Ausgangspunkt für eine weitverzweigte spätromantische Reise nimmt, auf der sich immer neue Perspektiven eröffnen. Allein der eindrucksvolle, gut 13-minütige Schlusssatz, den Sofja Gülbadamova – wie von d´Albert verlangt – mit angemessen „düsterem Ausdruck“ vorträgt, gereicht jedem Klavierrecital zur Ehre und verdient zweifellos mehr Beachtung als ihm in den vergangenen Jahrzehnten zuteilwurde.

Zwischen den beiden großformatigen Werken stellt Gülbadamova die Weltersteinspielung des stimmungsvollen „Impromptu“ in Des-Dur (ca. 1910-15) und das in gleicher Tonart komponierte, wahrhaft hübsche „Albumblatt“ (ca. 1891) vor, das von d´Alberts späterer Frau Teresa Carreño inspiriert worden sein könnte.

Die Villa im sächsischen Coswig, in der beide ihre kurze Ehe verbrachten, dient heute als Veranstaltungsort für Hochzeiten und Konzerte. Hier steht auch der Steinway, den Eugen d´Albert im November 1898 erwarb und wenige Tage später auf einem Konzertpodium in Elberfeld zum Klingen brachte. 2020 wurde das historische Instrument aufwändig restauriert und steht nun wieder für Konzerte und Aufnahmen zur Verfügung. Auf Teil 2 der Einspielung von d´Alberts Klavierwerken darf man sich bereits freuen!

Eugen d´Albert: Klaviermusik, Vol. 1, Grand Piano