Im Bann der Schrankwände

Aufgelesen (38): Erich Loests Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“.

1975 ist er so genauso alt wie die DDR, doch ihren weiteren Siegeszug durch die Geschichte muss sie wohl ohne ihn antreten. Wolfgang Wülff, gelernter Werkzeugmacher, mittlerweile Ingenieur, Familienvater und Erzähler eines Romans, hat nicht überwunden, dass er als begeisterter Beat-Jünger auf dem Leipziger Leuschnerplatz von einem Polizeihund angefallen wurde, „der eigentlich einen Ami hätte beißen sollen“. Und auch das zweite Schlüsselerlebnis seiner frühen Jahre hängt ihm noch immer nach: Warum bloß musste ihn ein Oberleutnant am Tag seiner Entlassung aus der Nationalen Volksarmee noch einmal zum Friseur schicken?

Niemand wird es je erfahren, doch Wülff hat aus seinen „Zusammenstößen mit der Macht“ den felsenfesten Vorsatz entwickelt, selbst keine Macht auszuüben. Seine Frau Jutta, die dank des elterlichen Pumpen- und Gebläsegeschäfts exakt 43.576,56 Mark mit in die Ehe gebracht hat, drängt ihn, mit Hilfe eines Fernstudiums die Karriereleiter hinaufzuklettern. Aber der Genügsame ist mit seiner kommalosen Rolle als „kleiner feiner schlipstragender aktentaschentragender mit recht mäßig bezahlter verantwortungsscheuer nicht im mindesten herrschsüchtiger Ingenieur“ im Reinen. Jutta hält ihn deshalb für einen lupenreinen Versager. Der im Kampf für den Sozialismus alt gewordene Arbeitskollege Huppel beurteilt ihn etwas milder, aber nicht weniger eindeutig: „Bist´n typischer DDR-Spießer“. Was die beiden wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass Wolf insgeheim davon träumt, seine Brötchen als „ambulanter Wäscheschleuderreparierer“ zu verdienen?

Das unambitionierte Vor-sich-Hinleben hat natürlich Konsequenzen. Denn wer nicht bereit ist, sich selbst, das persönliche Umfeld und den eigenen Nachwuchs zu optimieren, landet auch ohne konterrevolutionäre Anliegen schnell im Abseits. Als Wülff beim Schwimmunterricht der Tochter einen ehrgeizigen Vater beleidigt, dessen rüde Erziehungsmethoden ihm missfallen, gerät er gleich doppelt in die Mühlen der Justiz: Der Badehosen-Tyrann, den er als „gottverdammten Faschisten“ beschimpft hat, entpuppt sich als promovierter, in einem Institut für Meßwesen jederzeit leistungsbereiter Mitbürger. Er verklagt ihn wegen Beleidigung – und Jutta will sich scheiden lassen.

Dramatische Folgen hat das alles nicht. Das Leben geht weiter seinen Gang und das Ende des Romans sieht dem Anfang zum Verwechseln ähnlich. Die Frau an Wolfs Seite heißt nun Margrid, aber auch mit ihr sitzt er in einem Plattenbau – Hemus trinkend und mit Blick auf eine Schrankwand, die er immer schon im Verdacht hatte, ein schauderhaft gleichförmiges Leben zu möblieren.

(…)., dort wiederholte ich meine Gedanken über die Austauschbarkeit neuzeitlicher Wohnungen und blickte hinaus auf die Wohnscheibe gegenüber und stellte mir vor, wie dort tausend Schrankwände tausend Couchs gegenüberstanden, wie tausend Ehepaare tausend andere Ehepaare eingeladen hatten, alle aßen Fleischsalat und gefüllte Tomaten und garnierte Eihälften, bei zwei Drittel quackelte der Fernseher, später wurde Hemus getrunken oder Natalie. (…) Es schmeckte allen, wie es zur selben Zeit Tausenden im Oktoberviertel schmeckte, (…).

Ein besonders gefährlicher Staatsfeind

1957 wurde Erich Loest vom Bezirksgericht Halle wegen angeblichen „Staatsverrats“ zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Bautzen II, der Sonderhaftanstalt für „besonders gefährliche Staatsfeinde“, absitzen musste. Er galt als „Provokateur mit starker feindlicher Einstellung zur DDR“, verbüßte seine Strafe lange Zeit in Einzelhaft und ohne Möglichkeit, seine schriftstellerische Arbeit fortzusetzen. Als Loest im September 1964 auf Bewährung entlassen wurde, verdiente er sein Geld zunächst mit Unterhaltungs- und Kriminalromanen, ehe er Mitte der 70er Jahre den Versuch unternahm, das Leben in der DDR so unprätentiös, aber auch so plastisch, unmittelbar und detailliert wie möglich zu beschreiben. „Es geht seinen Gang“ war keine Abrechnung mit dem SED-Regime, sondern eine Demonstration: Ein erfülltes Leben ist ohne Freiheit und Selbstbestimmung schlichtweg unmöglich!

Im Osten Deutschlands wurde das „gelbe Buch“, so genannt wegen der auffallenden Umschlagfarbe, überraschenderweise in einer Auflage von 12.000 Exemplaren gedruckt, dann aber doch verboten, erneut veröffentlicht und schließlich endgültig auf den Index gesetzt. Die Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht und ihren Zuträgern, die Loest später in „Der vierte Zensor“ dokumentierte, trugen ihren Teil dazu bei, dass der Roman zum vielgelesen, oft verliehenen und getauschten Kultobjekt avancierte. Doch auch in der Bundesrepublik, wo das Buch 1978 fast zeitgleich erschien, stieß es auf breites Interesse. Schon im Januar 1981, zwei Monate bevor Erich Loest der DDR den Rücken kehrte, war die Verfilmung im ZDF zu sehen.

Erich Loest 1955

Der klare, unbestechliche Blick auf die Absurditäten des real existierenden Sozialismus traf natürlich auch Schwachstellen seines ideologischen Gegenstücks im Westen, wo Schrankwände übrigens ebenfalls populär waren. Doch der Erfolg des Romans lag wohl nur zu einem Teil in seinen satirischen Attacken begründet, die so wunderbar nonchalant serviert wurden und phantasieanregende Szenen wie die Demonstration auf dem Leuschnerplatz, das Umkreisen der mutmaßlichen Wohnung eines Parteisekretärs, hysterische Schwimmstunden oder die von abwegigen Gedanken durchkreuzte Aufführung einer Bruckner-Symphonie im Gedächtnis des Lesers zurückließen.

Loests Roman gab darüber hinaus alltags- und umgangssprachlich Auskunft über das Innenleben der DDR Mitte der 70er Jahre. Christa Wolf erkannte genau darin die Besonderheit des Romans. Ihm sei „etwas Wichtiges gelungen“, schrieb sie an den Kollegen, „nämlich Alltag wahrheitsgetreu zu beschreiben, frei von rosa oder grünen oder sonstigen Ideologiebrillen.“ Beim Lesen rieche man geradezu DDR-Wirklichkeit: „im Neubauviertel, im Büro und in der Altbauwohnung, da stimmt einfach alles, so leben die Leute, so reden sie, so richten sie sich ein.”

Und so kürzen sie ab, möchte man hinzuzufügen. Schließlich dokumentierte der Roman sogar die eigenwillige Leidenschaft, das soziale, gesellschaftliche und politische Leben mit drei Buchstaben zu etikettieren. Nach der Wende bot der Deutsche Taschenbuch Verlag in seiner „Es geht seinen Gang“-Ausgabe folgerichtig „Worterklärungen“ für das gesamtdeutsche Publikum an. „AWG“, so las man da, bedeutete „Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft“, hinter „GST“ verbarg sich die Gesellschaft für Sport und Technik und hinter „WPO“ die Wohnparteiorganisation der wohl nicht übersetzungsbedürftigen „SED“. Dabei übersahen die Lektoren sogar noch einige realsozialistische Abbreviaturen, die im Buch Erwähnung fanden. Die „POS“ (Polytechnische Oberschule) spielte ebenso eine Rolle wie das „NSW“ (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) oder die – nun allerdings mit vier Buchstaben angedeutete – „DHfK“ (Deutsche Hochschule für Körperkultur).

„Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ wurde mit und ohne „Worterklärungen“ verstanden, diesseits und jenseits der seit langem verschwundenen deutsch-deutschen Grenze. Für eine Neuauflage zu Erich Loests 100. Geburtstag im Jahr 2026 reichte es trotzdem nicht. Der Mitteldeutsche Verlag, der „Völkerschlachtdenkmal“, „Nikolaikirche“ oder „Sommergewitter“ aus diesem Anlass eine neue Chance gab, veröffentlichte unter dem Titel „Es geht seinen Gang“ lediglich Ausschnitte des Romans, illustriert von Schwarzweißaufnahmen des Leipziger Fotografen Bertram Kober. Die komplette, ursprünglich in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienene Ausgabe ist über die Homepage des Mitteldeutschen Verlags allerdings noch immer lieferbar. Antiquarisch lassen sich auch die dtv- und die 1990 im Linden-Verlag erschienene Ausgabe finden. In der ARD Audiothek ist bis zum 16. Februar 2027 außerdem das Hörbuch abrufbar, das Erich Loest 1997 eingelesen hat.