Jablonski und die Vorstellung von Jablonski

Er ist der Protagonist und Erzähler des Romans, auf rund 270 Seiten wird er 57 Mal erwähnt. Doch niemand kommt Jablonski nahe genug, um ihn mit seinem Vornamen anzusprechen und auch ihm selbst wird der Mann, der schwerkrank in der bulgarischen Hafenstadt Burgas hockt und an seinen zwielichtigen Erinnerungen werkelt, immer fremder. Hat das, was er da tut, überhaupt noch einen Sinn? Führt es zur lange gesuchten, unter Erinnerungstrümmern verborgenen, mitunter auch ängstlich verleugneten Wahrheit? Oder ist sein Leben, durch eigenes und fremdes Verschulden, längst ein verlorenes? Antworten gibt es – vielleicht – in der Neuausgabe von Werner Heiduczeks Roman „Tod am Meer“, der zum 100. Geburtstag des einst weithin bekannten Schriftstellers im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist.

„Jablonski ist tot.“ Der erste Satz steht immer noch da wie in Stein gemeißelt und drängt dem Leser wie vor einem halben Jahrhundert die Frage auf, ob all das, was Jablonski getan, gedacht und aufgeschrieben hat, überhaupt unsere Aufmerksamkeit beanspruchen kann. Ja, kann es, denn dieser Roman hat seit seinem spektakulären Erscheinen und Verschwinden im Jahr 1978 allenfalls die konkreten historischen Umstände verloren, die ihn in der DDR zu einem Skandal- und Kultbuch werden ließen. Die Vergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs, deren bloße Erwähnung beim sowjetischen Botschafter Piotr Abrassimow Empörung ausgelöst haben soll, sind längst zweifelsfrei dokumentiert und die virtuose Kritik am Arbeiter- und Bauernstaat, dem Jablonski als Schriftsteller dient, den er aber gleichzeitig bis ins Mark durchschaut, kann nach Lage der Dinge nurmehr DDR-Nostalgiker treffen. Die Fragen und (Selbst)Zweifel, die der umtriebige Erzähler auf immer neuen Umwegen entdeckt, haben dagegen eher noch an Aktualität gewonnen.

Ein Held ist er wahrlich nicht, dieser Jablonski, der vom Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus selbst zerrissen wurde. Doch als Entschuldigung für alles taugt Zeitgeschichte eben nicht, wenigstens das gesteht sich der in Burgas Leidende und Schreibende rückblickend ein. War er doch stets darauf bedacht, den Weg des geringsten Widerstands zu finden und seine egozentrischen Pläne rücksichtslos durchzusetzen. Wie im Fall des harmlosen Philosophieprofessors Gotthold Melzer, dessen Karriere ein abruptes Ende fand, als sich Jablonski in der Rolle eines stalinistischen Provokateurs gefiel.

Seine Opfer waren aber vor allem Frauen. In zwei Fällen spricht er selbst von einer Vergewaltigung, andere wurden von ihm gedemütigt, aus ihrem Job gedrängt, betrogen oder achselzuckend zurückgelassen. Jablonski gesteht das alles seinem Zimmernachbarn Bai Dimiter, von dem freilich unklar ist, inwiefern er der stets um die eigene Befindlichkeit mäandernden Erzählweise überhaupt folgen kann. Im späteren Verlauf des Romans ist Dimiter vorwiegend virtuell anwesend, aber auch dadurch ändert sich weder die Ansprache noch die Erkenntnistiefe. Der amoralische Schriftsteller lernt im Rückspiegel nichts dazu und kann seine permanenten Rollenwechsel – Soldat, Arbeiter, Ehemann, Ehezerstörer, Pädagoge, Kommunist, Sowjetfreund, Kritiker der Besatzungsmacht, Lehrender, Lernender, unbeteiligter Zuschauer, engagierter Künstler – kaum mehr durchschauen. Immer beunruhigender drängt sich der Gedanke auf, Fiktion und Realität könnten gleichberechtigt nebeneinander existieren oder im schlimmsten Fall sogar identisch sein.

Ich hasse das Schreiben, dem ich preisgegeben bin, dieser wahnsinnigen Lust nach Wahrheit. Ich weiß nicht mehr, was tatsächlich geschehen ist und was nur hätte geschehen können. (…) Ich lebe doppelt, als Jablonski und als Vorstellung von Jablonski.

In den angehängten „Drei Aussagen“, die den Roman mit dem Vorwort eines angeblichen Herausgebers umrahmen, gibt seine Ex-Frau Anissa zu Protokoll:

Wissen Sie, Jablonski hat geglaubt, die Seele einer Frau zu kennen. Wer sein Buch liest, mag es auch glauben. Aber er hat wenig begriffen, weil er letztlich doch zu sehr Beobachter blieb oder Besucher. Einer, der am Fenster steht und von hoch oben auf die Stadt schaut.

So viel Freundlichkeit hat der alte, weiße, selbstgefällige Protagonist im Grunde nicht verdient. Willi Hutkessel, genannt Schippenschiß, der von Jablonski betrogen und dann zur Hauptfigur eines Filmprojekts gemacht wurde, formuliert seinen Nachruf denn auch deutlich klarer und kürzer.

Nein, ich habe den Film nicht gesehen. Nein, ich habe das Buch nicht gelesen. Nein, ich habe über Jablonski nichts zu sagen. Er ist tot.

Höchst lebendig wirkt dagegen Jablonskis ebenso verzweifelter wie artistischer Versuch, sein amoralisches Verhalten zu rechtfertigen und in die eigene Biographie und den literarischen Schaffensprozess einzupassen. „Tod am Meer“ erscheint unter diesem Aspekt als ein durchaus perfider, aber wunderbar erzählter Balanceakt, der heute auf ganz andere Weise provoziert als bei seinem ersten Erscheinen vor fast 50 Jahren.

Auch wenn die zeitgeschichtlichen Umstände nicht mehr so zwingend hinzugezogen werden müssen wie in früheren Jahren, sind sie doch spannungsgeladen und historisch aufschlussreich. Im Nachwort der Neuausgabe schildert Stephan Pabst, Professor für Neuere und Neueste deutsche Literaturwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, kenntnisreich und nachvollziehbar, wie Werner Heiduczek zum „feindlich-negativen“ Autor erklärt und sein Roman über ein Jahrzehnt vom ostdeutschen Buchmarkt verdrängt wurde. Auf dem west- und gesamtdeutschen blieb er ein seltener, zuletzt antiquarischer Gast. Gut, dass „Tod am Meer“ nun wieder aufgetaucht ist!

Werner Heiduczek: Tod am Meer, Mitteldeutscher Verlag, 20 €