Aus dem Takt gebracht

Der Forscherdrang, der im Vorfeld seines 250. Geburtstages neu erwachte, erwies sich für einige Werke von Anton Reicha als echter Glücksfall. So liegen die vier ab 1790 entstandenen Sinfonien seit zwei Jahren in neuen Editionen vor, die den Komponisten als veritablen Freigeist ausweisen. cpo beginnt die Gesamteinspielung mit der D-Dur-Sinfonie und zwei außergewöhnlichen Ouvertüren.

Reichas Bonner Zeit, die wohl auch seine Beethoven-Zeit genannt werden könnte, da er mit dem ebenfalls im Jahr 1770 geborenen Kollegen gemeinsam in der Kurfürstlichen Hofkapelle wirkte, stand lange im Schatten seiner späteren Stationen Hamburg, Wien und vor allem Paris. Nach den jüngsten Entdeckungen muss diese Geschichte neu geschrieben werden. Zeichnet sich doch gerade Reichas Frühwerk, das unter den argwöhnischen Blicken seines dirigierenden und Cello spielenden Onkels Joseph entstand, durch eine unbekümmerte Herangehensweise, gezielte Regelvorstöße und eine unerschöpfliche Experimentierfreude aus.

Im Booklet-Beitrag des Wiener Musikwissenschaftlers John D. Wilson sind Reichas eigene, höchst amüsante Versuche nachzulesen, den durchgehenden Fünfertakt der D-Dur-Ouvertüre zu rechtfertigen, die in einer knappen Viertelstunde ein verblüffend abwechslungsreiches und ambitioniertes Tongemälde zeichnet. Derweil versucht sich ihr Gegenstück in C-Dur in der betont langsamen Gestaltung chromatischer Akkorde, mit der Reicha offenbar die „mannigfaltigen Wendungen der Harmonie“ demonstrieren wollte.

Höhepunkt des Albums bleibt dennoch die hinsichtlich Umfang und musikalischem Gehalt wahrhaft opulente D-Dur-Sinfonie. Wie viele Gattungsbeiträge des späten 18. Jahrhunderts dauern fast 35 Minuten? Und in wie vielen Eingangssätzen bietet der Komponist ein ganzes Arsenal raffinierter Themen auf, das dann aber nicht einer akademischen Verarbeitung unterzogen wird? Auf die schillernden Einfälle wartet vielmehr ein Versteckspiel, wenn nicht gar eine Achterbahnfahrt, die im Finale auf eine spektakuläre Zielgerade einbiegt. Dazwischen liegen ein bezauberndes Andante mit Don-Giovanni-artigem Innenteil und ein Menuett, das vollkommen überrascht, weil es ausnahmsweise ganz konventionell daherkommt.

Der 1994 in Müllheim (Baden) geborene Dirigent Valentin Egel und das Münchner Rundfunkorchester spielen die Werke mit Verve, Brillanz, Detailfreude und ebenso elegant wie hintersinnig. Genauso wären sie wohl auch dem jungen Beethoven begegnet.

Anton Reicha: Sinfonie D-Dur AJR I:17/ Ouvertüre D-Dur AJR I: 8a / Ouvertüre C-Dur AJR I: 2