Die „Zweite“ gehört nicht zu den prominentesten Sinfonien Anton Bruckners. Doch sie enthält bereits die Ingredienzen, die ihre Nachfolger berühmt machten. Dennis Russell Davies führt die Hörer bei seiner Neueinspielung mit dem MDR-Sinfonieorchester in die Werkstatt eines Komponisten, der vor allem sich selbst immer wieder überzeugen musste.
Schon die Nummerierung bereitete Bruckner Kopfzerbrechen, schließlich ist das heute als Nr.2 geführte Werk nur deshalb nicht die Nr.4, weil der verunsicherte, nie mit sich selbst zufriedene und auf Kritik mitunter panisch reagierende Komponist neben seiner Jugendsinfonie in f-Moll auch die eigentliche „Zweite“ aus dem Jahr 1869 annullierte. Die neue, zweite „Zweite“ fand ebenfalls nicht seine ungeteilte Zustimmung. Sie wurde bereits vor der Uraufführung bearbeitet und auch in den Folgejahren erschienen immer wieder neue Varianten.
Dass sich Dennis Russell Davies – wie bei den anderen zehn Teilen seiner nun monatlich digital erscheinenden Gesamteinspielung – für die Urfassung entschied, macht sie als Entwicklungsschritt eines symphonischen Universums erkennbar. Mit dem perfekt disponierten MDR-Sinfonieorchester zeichnet er die gewaltige Architektur des 1872 erstmals vollendeten Werkes nach und füllt die verschiedenen, oft eng verzahnten Themen ebenso mit Leben wie die feinsinnigen motivischen Verknüpfungen, die hier bereits unterschiedliche Sätze miteinander verbinden.

Auf die Ausgestaltung der legendären Pausen, mit denen Bruckner nach eigenem Bekunden Atem schöpfen wollte, bevor er etwas Bedeutungsvolles zu sagen hatte, legt der über 80-Jährige besonderes Gewicht, indem er sie ehrfurchtsvoll, mitunter aber auch augenzwinkernd in Szene setzt. Schließlich dient nicht jede Ruhephase als Anlaufstrecke für künstlerische Höhenflüge. Oft gibt es „einfach nur“ Momente von unwiderstehlicher Schönheit zu bestaunen – und in seltenen Fällen geht es nach der Pause gar nicht so phänomenal weiter, wie es vor derselben aufgehört hat.
Bruckners Pausen entwickeln eine eigenartige Sogwirkung, wirken bisweilen eher wie Ausrufezeichen eines um (Selbst)Bestätigung ringenden Künstlers und avancieren schließlich zu einem zentralen Strukturelement, das musikalische Sinneinheiten positioniert. In der Summe hätte sich der Komponist nach 1872 viel Arbeit ersparen können. Die Urfassung ist schon das Meisterwerk, in dem sich eigentlich jeder Takt an der passenden Stelle befindet.
Anton Bruckner: Sinfonie Nr.2 c-Moll Genuin – Digitale Veröffentlichung


