Die Chefetage hört mit

Aufgelesen (37): Max von der Grüns Roman „Stellenweise Glatteis“.

Im Zeitalter von Keyloggern und GSM-Überwachungen wirkt die Methode, mit der die „Maßmann AG“ ihre Belegschaft überwacht, reichlich antiquiert. Aber immerhin ist auch schon ein halbes Jahrhundert ins Land gezogen, seit Max von der Grün mit einem Buch für Aufsehen sorgte, dass bald von der Realität überholt wurde.

Als Karl Maiwald, Fernfahrer und Mitglied des Betriebsrates, im Vorzimmer seines Direktors wartet, entdeckt er zufällig, dass die brandneue „Gegensprechanlage“ noch eine Zusatzfunktion hat. Mit den unscheinbaren Kästen können die Gespräche der Belegschaft abgehört werden. Auf der Weihnachtsfeier macht Maiwald den Skandal öffentlich. Die Kollegen und die zuständige Gewerkschaft sind außer sich und wild entschlossen, die Konzernleitung zur Aufklärung des Sachverhalts und zu einer öffentlichen Entschuldigung zu zwingen.

Die Polizei wird eingeschaltet, die Betriebsleitung droht mit Entlassungen und Aussperrungen. Ohne Erfolg, denn die Abgehörten treten in den Streik, während Maiwald vor Gericht um seinen Arbeitsplatz kämpft. Als er tatsächlich zurückkehren darf, rechnet er mit einem grundlegenden Neuanfang. Doch der Stein, der alles ins Rollen gebracht hat, ist längst bedeutungslos geworden. Niemand will an die Ereignisse der vergangenen Wochen erinnert werden. Maiwald, der weiterhin auf eine umfassende Aufklärung drängt, gilt plötzlich als Störenfried. Prinzipiell sei man auf seiner Seite, hört er immer wieder, aber taktisch passe seine Revolte gerade nicht ins Konzept. Worin dieses besteht, erfährt Maiwald schneller als ihm lieb ist. Die eigene Gewerkschaft hat das Unternehmen über eine Bank für Gemeinwirtschaft aufgekauft und will nun sein neuer Arbeitgeber werden.

Handelt es sich bei der illegalen Bespitzelung der eigenen Mitarbeiter um einen Einzelfall – oder ist er Teil einer systematischen Überwachung, mit deren Hilfe die Belegschaft umfassend kontrolliert und bei Bedarf im Sinne der Unternehmensziele gelenkt beziehungsweise sanktioniert werden soll? Die nicht-fiktionalen Überwachungsskandale der vergangenen Jahre und Jahrzehnte scheinen eine Antwort nahezulegen, doch Max von der Grün hielt wenig vom Schwarz-Weiß-Muster allzu simpler und vorschneller Schuldzuweisungen. In „Stellenweise Glatteis“ werden Arbeiter, Betriebsräte, Gewerkschafter, aber auch Medienvertreter und Politiker unterschiedlichster Couleur zu Mittätern der Konzernleitung. Weil sie nicht in der Lage sind, über den Tellerrand und die momentane Situation hinauszublicken, weil sie nur auf die eigenen Vorteile starren und keine Vorstellung von den Möglichkeiten eines solidarischen oder schlicht anständigen Handels entwickeln.

Max von der Grün widerstand aber auch der Versuchung, aus dem Kampf des kleinen Mannes gegen den übermächtigen Konzern eine kitschige Arbeiterromanze zu machen. Sein Protagonist, der unter Medikamenteneinfluss den Tod eines Kindes verschuldet hat, ist halt- und ratlos, wenig entschlussfreudig, launisch und impulsiv. Er hat keine echten Freunde, dafür aber ein veritables Alkoholproblem. Um seine Ehe steht es nicht zum Besten und die Tochter gibt ihm in aller Regel bessere Ratschläge als er ihr. Am wohlsten fühlt sich Karl Maiwald in der Kneipe und bei Spaziergängen im Dortmunder Norden – Zeitvertreibe, denen Außenstehende wenig abgewinnen dürften.

Ich lief meist zur nahen Autobahnbrücke und sah auf den Verkehr hinunter, ich ging durch den Wald und fütterte die Rehe und Damhirsche im Gehege, ich lief mit den tapsenden Invaliden und hörte mir das Geseire von früheren Zeiten an, ich sah den Spielern auf dem Minigolfplatz zu, ich stand an der Straßenbahnhaltestelle und betrachtete die Ein- und Aussteigenden, ich sah den Bauern auf den Feldern zu und verfolgte mit den Augen die gelben und rosa Giftwolken über den Hoeschwerken und die weißen Dämpfe über der Kokerei im Osten.

Nein, ein heroischer Arbeiterführer ist er nicht, dieser Karl Maiwald, aber die berühmten Verhältnisse sind eben auch nicht so. Gleichwohl spielen sie eine entscheidende Rolle, denn die beiläufig und präzise geschilderten Umstände lassen das zentrale Romangeschehen erst lebendig und plastisch hervortreten. „Stellenweise Glatteis“ erzählt nicht nur von Konflikten aus der Arbeitswelt, sondern auch von der „Langen Straße“, die sozial, wirtschaftlich und politisch in eine grüne Wald- und eine schwarze Autobahnseite zerfällt. Es geht um einen grausamen Kindermord und einen heimtückischen Brandanschlag auf türkische Gastarbeiter, aber auch um eine verzweifelte Sekretärin, einen zwielichtigen Anwalt, die Druckerwerkstatt eines Kommunisten und die Finanzierung des Westfalenstadions, das für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 gebaut werden soll.

Die Stadt der vielen Gesichter

„Fortschritt und Alptraum“ zugleich, so charakterisierte Max von der Grün seine Wahlheimatstadt Dortmund in einem Artikel aus dem Jahr 1994. „Meine Stadt hat viele Gesichter, wechselt ihr Gesicht nicht nur im Zwang der Jahreszeiten, sie wechselt ihr Gesicht mehrmals am Tag“, heißt es in dieser Beschreibung, die ein literarisches Konzept durchschimmern lässt, das auch in anderen Werken des gebürtigen Bayreuthers zum Tragen kam. In dem Bemühen, den wechselnden Gesichtern so nahe wie möglich zu kommen, sind ihm bemerkenswerte Zeitromane gelungen, die über ihre Zeit hinausweisen. Nicht weil ihre Konflikte in der geschilderten Form unverändert aktuell wären, sondern weil sie ein authentisches und ehrliches Bild menschlichen Lebens zeigen.

Die Bücher von Max von der Grün sorgten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts regelmäßig für Schlagzeilen. Sie waren Gegenstand von Gerichtsverhandlungen und erreichten eine Millionenauflage. Einige wurden mit großem Erfolg verfilmt, so etwa „Stellenweise Glatteis“ von dem späteren Kultregisseur Wolfgang Petersen, der die Hauptrolle mit dem unvergessenen Günter Lamprecht besetzte. Nach von der Grüns Tod im Jahr 2005 wurde es immer stiller um den Bestseller-Autor. Der Pendragon-Verlag hält die Erinnerung mit einer zehnbändigen, sehr ansprechend gestalteten Werkausgabe wach. Sie beinhaltet neben den Romanen und Erzählungen auch Essays, Interviews und Kommentare – von und über Max von der Grün.