Handwerklich aller Ehren wert, aber wenig originell und schon gar nicht „genial“ – auch die Musikgeschichte hat Etiketten schnell zur Hand, so etwa im Fall der „Berliner Akademiker“, einer Gruppe traditionsbewusster Musiker, zu denen neben Friedrich Gernsheim oder August Eduard Grell auch der mit 49 Jahren verstorbene Wilhelm Berger (1861-1911) zählte. Eine Aufnahme seiner frühen Cellosonate op.28 und des späten Klaviertrios op.94 zeigt allerdings: Etiketten sagen wenig über die künstlerische Qualität im Einzelnen aus.
Zugegeben, Wilhelm Berger schuf keinen unverzichtbaren missing link in der Klangwelt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, auch wenn seine Chorwerke und Lieder zuletzt wieder einige Beachtung fanden. Das mag den Verdacht geschürt haben, man habe dergleichen eigentlich schon von Brahms gehört oder würde es spätestens von Reger präsentiert bekommen. Doch sein rund 35-minütiges Trio für Klarinette, Cello und Klavier aus dem Jahr 1903 ist ein veritables Unikat – mit Blick auf die noble melodische Erfindung, die satztechnische Qualität und die raffiniert abgestimmte Klangmischung, die sich aus dem Mit- und Gegeneinander gerade dieser drei Instrumente ergibt.
Paul Meyer (Klarinette), Wen-Sinn Yang (Cello) und der ultimative Raritäten-Spezialist Oliver Triendl (Klavier) begeistern in den facettenreichen Ecksätzen ebenso wie im thematisch und harmonisch geheimnisvoll schillernden „Poco vivace e con passione“, das kaum in ein akademisches Programm passt. Dieser offenkundige Ausreißer erscheint allerdings nicht unvorbereitet. Ihm geht ein eindrucksvolles Adagio voran, in dem die Instrumentalisten die hauchzarten, zerbrechlich wirkenden Strukturen mit außergewöhnlichem Feingefühl nachzeichnen.

Die rund zwei Jahrzehnte früher entstandene Cellosonate d-Moll op.28 ist deutlich konventioneller angelegt. Doch auch sie entsagt bereits dem virtuosen Selbstzweck und setzt stattdessen auf fließende Melodien, einen intensiven, abwechslungsreichen Dialog zwischen Cello und Klavier und formale Perfektion.
Das abschließende Scherzo aus einer unvollendet gebliebenen Sonate dient Wen-Sinn Yang und Oliver Triendl nicht nur als Zugabe. Sie bündeln das leichtfüßige, um die Vorherrschaft von Melodie oder Rhythmus rangelnde Stück zu einem letzten, nur dreiminütigen, aber höchst eindrucksvollen Plädoyer für einen noch weiter zu entdeckenden Komponisten.
Wilhelm Berger: Klarinettentrio g-Moll op.94 / Cellosonate d-Moll op. 28 / Scherzo für Cello & Klavier, cpo


