Spanischer Geburtstagsgruß aus England

Der 150. Geburtstag Manuel de Fallas ist nicht nur im Süden Europas ein Grund zum Feiern. Auf einem mitreißenden Album spielt das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Domingo Hindoyan eine Auswahl seiner populärsten Orchesterwerke.

Kaum jemand hat die spanische Musik im 20. Jahrhundert eindrucksvoller verkörpert und ihr gleichzeitig mehr Impulse verliehen als Manuel de Falla. Doch der 1875 in Cádiz geborene Komponist war auch ein überzeugter Kosmopolit, der lange Jahre in Paris lebte und sich mit Maurice Ravel, Claude Debussy oder Igor Strawinsky austauschte. Sein bedeutendstes Ballett „El sombrero de tres picos“ (Der Dreispitz) wurde 1919 im Londoner Alhambra-Theater uraufgeführt, choreographiert von dem Russen Léonide Massine. In der Heimat gefiel das Grenzüberschreitende nicht jedem. Booklet-Autor Andrew Stewart zitiert die Madrider Zeitung „El Liberal“ mit der Einschätzung, de Falla sei „von der modernen französischen Schule besessen“ und sein Ballett „El amor brujo“ (Der Liebeszauber) könne „ebenso gut ungarisch, russisch oder italienisch sein“.

Nationalistische Einwürfe vergleichbarer Art sind heute wieder en vogue, zielen aber noch immer an der Sache vorbei. Ohne Spanien, seine Menschen und seine Landschaften, die Architektur und Kunst, Sagen und Legenden, das unverwechselbare nationale Idiom und Fluidum, wäre Manuel de Fallas Musik undenkbar. Was aber gerade nicht ausschließt, dass sie auch andernorts gehört und geliebt wird.

Der venezolanisch armenische Dirigent Domingo Hindoyan hat auf seinem Geburtstagsalbum jedenfalls ein veritables „Best Of“ versammelt, dem allenfalls die zauberhaften „Noches en los jardines de España“ (Nächte in spanischen Gärten) fehlen. Leidenschaftlich und farbenfroh lässt er die beiden Suiten aus dem „Dreispitz“ vorüberziehen, denen zwei Orchesterstücke aus „La vida breve“ (Das kurze Leben) folgen. Das Bühnenwerk gilt heute als spanischste Oper überhaupt, wurde 1914 aber in Nizza und obendrein noch in französischer Sprache uraufgeführt.

Anschließend kleiden Hindoyan und das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra die eher selten gespielte „Homenajes“ in ein apartes Klanggewand. Die 1939 vollendete Suite ist eine Verbeugung vor dem spanischen Dirigenten, Geiger und Komponisten Enrique Fernández Arbós, de Fallas Freunden und Kollegen Claude Debussy und Paul Dukas sowie seinem Lehrer Felip Pedrell. Ein absoluter Höhepunkt des Albums ist die Suite aus dem „Liebeszauber“, die mit ihren oft gehörten, aber immer taufrisch wirkenden Tänzen und Romanzen auch diesmal eine unwiderstehliche Sogwirkung erzeugt.

Den furiosen Schlusspunkt bildet die „Fantasia Baetica“, die Manuel de Falla 1919 als Klavierstück konzipierte. Die Orchesterfassung von Francisco Coll entstand 104 Jahre später, atmet aber den Geist des Originals und entfesselt eine Fülle perkussiver Klangkaskaden, die nicht nur Flamenco-Freunde begeistern werden.

Manuel de Falla: Suiten Nr. 1 & 2 aus „El sombrero de tres picos“; Interlude & Dance aus „La vida breve“; Homenajes; Suite aus „El amor brujo“; Fantasia Baetica, Onyx