Walzer mit vier Pfiffen

„Wer weiß, fragt Translateur, was Blumen träumen?“, dichtete Erich Kästner in seiner „Elegie mit Ei“ und sah offenbar keine Notwendigkeit, die eigenwillige Zeile zu erklären. Tatsächlich dürfte es 1928 auch nur wenige Leserinnen und Leser gegeben haben, die mit Translateurs träumenden Blumen nichts anzufangen wussten. Daran hat sich in den letzten knapp 100 Jahren so gut wie alles geändert. Die Nürnberger Symphoniker holen unter der Leitung von Jan Michael Horstmann nun nicht nur einen Walzer, sondern noch zwölf weitere Werke von Siegfried Translateur (1874-1944) aus dem Schatten der Musikgeschichte.

Das vergleichsweise bekannteste Stück trägt den Titel „Wiener Praterleben“, wurde 1892 komponiert und drei Jahrzehnte später zu einer hitverdächtigen Erkennungsmelodie. Verantwortlich dafür war allerdings nicht nur der Komponist, sondern vor allem das Berliner Original Reinhold Habisch, genannt „Krücke“. Als die Kapelle von Otto Kermbach beim Sechstagerennen 1923 das „Wiener Praterleben“ spielte, übertönte er das viermalige, in den Orchesterstimmen eigens notierte Klatschen durch vier grelle Pfiffe und verwandelte das Original mit dieser kleinen Variation in den legendären „Sportpalastwalzer“.

Siegfried Translateur hatte sich zu dieser Zeit längst einen Namen gemacht. In Oberschlesien geboren, kam er Anfang der 1890er Jahre nach Wien, ehe er um die Jahrhundertwende in die deutsche Hauptstadt zog und hier als Komponist von Tanzmusik, aber auch als Kapellmeister und Verleger auf sich aufmerksa10m machte. Jan Michael Horstmann und die Nürnberger Symphoniker unterstreichen mit ihrer beschwingten, nicht übertrieben sentimentalen, aber immer hingebungsvollen Einspielung sein besonderes Talent für eingängige Walzermelodien, unterbrechen das nostalgische Schwelgen im Dreivierttakt aber auch für einige reizvolle Charakterstücke. Die elegante Rokoko-Gavotte hat allemal Neujahrkonzert-Qualitäten, ebenso wie der possierliche „Hochzeitszug in Liliput“ oder das elegische „Schlummerliedchen“.

Der informative Booklet-Beitrag des Dirigenten beleuchtet allerdings auch die tragischen Jahre im Leben dieses „Meisters der leichten Muse“. Von den Nationalsozialisten als „Halbjude“ diskriminiert, verlor Siegfried Translateur erst seine berufliche Existenzgrundlage und schließlich sein Leben. Anfang März 1944 starb er im KZ Theresienstadt, auch seine Frau und zwei Schwestern fielen dem Terror des Dritten Reiches zum Opfer. Obwohl der „Sportpalast-Walzer“ nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zur Hymne des Sechstage-Rennens wurde, sollte es rund 80 Jahre dauern, bis Translateurs Wahlheimat Berlin mit der Installation eines Klangdenkmals und der Verlegung eines Stolpersteins an die tragische Lebensgeschichte des Komponisten erinnerte. Die vorliegende CD schließt nun endlich eine diskographische Lücke, wobei das Gesamtwerk von Siegfried Translateur, das mehr als 150 Titel umfasst, sicher auch noch ein zweites oder drittes Album ermöglichen würde.

Siegfried Translateur: Wiener Praterleben. Walzer, Intermezzi, Märsche, cpo