Die Erste und die Letzte

15 Jahre sind seit der Einspielung der opulenten „Zweiten“ vergangen, nun liegen endliche alle Sinfonien des Altonaer Musikdirektors Felix Woyrsch (1860-1944) auf Tonträger vor. Für die Aufnahme der Nummern 1 und 6 zeichnete allerdings nicht mehr Dirigent Thomas Dorsch, sondern sein Kollege Howard Griffiths verantwortlich.

Dass Felix Woyrsch mehr Beachtung verdient als ihm im heutigen Konzertleben zuteilwird, machten schon die ersten Einspielungen deutlich. Sie demonstrierten allerdings auch, dass die schwankende Position des Komponisten zwischen Tradition und Moderne durchaus uneinheitliche Ergebnisse zeitigte. Kantig, bisweilen unwirsch, aber kompakt, spannungsgeladen und zielgerichtet gehören die Sinfonien Nr. 4 (1931) und 5 (1937) sicher zu seinen stärksten Erfindungen, während der rote Faden in den weitschweifigen, mitunter auch etwas leerlaufenden Nummern 2 (1914) und 3 (1928) ab und an verloren geht.

Die 1. Sinfonie, die 1908 im Konzertsaal des Altonaer Hotel Kaiserhof uraufgeführt wurde, wirkt deutlich geschlossener. Die volksliedhaft-eingängigen Themen, das triumphale Finale, der nie überschrittene tonale Rahmen und die in jedem Takt spürbare Verbeugung vor der klassisch-romantischen Tradition sind aber auch das Risikoloseste, was Felix Woyrsch in diesem Genre unternommen hat.

Zum Avantgardisten wird er auch in späteren Jahren nicht, doch Woyrsch schlägt aus der Tradition immer wieder kreative Funken. So auch in der letzten, 1941 uraufgeführten Sinfonie, deren Beiname „Sinfonia sacra“ wohl als Hommage an Heinrich Schütz, einen seiner „Lehrmeister“, gedeutet werden darf. In knapp 20 Minuten verbindet Woyrsch Frühbarock und Gegenwart in den Sätzen „Sanktus“, „Via crucis“ und „Gloria“ zu einem sakralen Bekenntnis und musikalischen Vermächtnis.

Howard Griffiths und die Württembergische Philharmonie Reutlingen setzen das Spätwerk in gebotener Schlichtheit, aber zügig und sehr konturiert in Szene. Bei der 1. Sinfonie sind die Zügel lockerer gespannt. Hier entrollen die Interpreten in immer neuen Anläufen ein packendes, farbenreiches Tongemälde. Dass es 1908 wahrlich keine Innovation mehr war, stört die Freude beim Zuhören durchaus nicht.

Felix Woyrsch: Sinfonie Nr.1 & 6, cpo