Die schlimmen Folgen der guten Absichten

Aufgelesen (36): Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung „Er laßt die Hand küssen!“.

Die unbefangene Art, seiner Dienstherrin einen Erntekranz zu überreichen, wird Mischka zum Verhängnis. Die Gräfin befördert den 20-jährigen Häuslersohn vom Feld- zum Gartenarbeiter und fühlt sich ab sofort für ihn verantwortlich. Innerhalb weniger Wochen verliert Mischka Frau und Kind, verfällt dem Alkohol, wird in gewalttätige Auseinandersetzungen verstrickt und am Ende zu Tode geprügelt.

Zur gewissenlosen Schurkin taugt die alte Dame allerdings nicht, denn eigentlich hat sie nur Mischkas Wohlergehen im Sinn. Trotzdem ebnen ihre Entscheidungen den Weg zur Katastrophe. Als sie den Arbeitern Branntwein spendiert, erlebt der bis dahin abstinente Mischka seinen ersten Vollrausch. Sie trennt ihn von der Mutter seines Kindes, weil beide nicht verheiratet sind. In der Folge kommt es zu schweren Auseinandersetzungen mit Mischkas gewalttätigen Vater, der auch die Geliebte des Sohnes rücksichtslos misshandelt. An ihrem Sterbebett widersetzt sich Mischka der Verhaftung und wird zu „Fünfzig Stockprügel“ verurteilt.

Die Gräfin ahnt nicht, dass der Verzweifelte zu schwer verletzt ist, um eine solche Strafe zu überleben. Doch der Arzt, der sie um Aufschub und Milde bitten will, kommt zum denkbar falschen Zeitpunkt. Als er im Schloss erscheint, ist die adelige Gelegenheitsdichterin mit ihrem Schäferspiel „Les adieux de Chloë“ beschäftigt, das den Höhepunkt eines opulenten Geburtstagsfestes bilden soll. Der Erfolg übertrifft alle Erwartungen.

Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den ihre Dichtung erweckte, nicht im Zweifel sein. Die Ovationen dauerten noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hofthor rollten oder sprengten.

Jetzt endlich hat die Gräfin Zeit, sich wieder über Mischka Gedanken zu machen. Als der Arzt sie über die traurigen Einzelheiten der Geschichte in Kenntnis setzt, begnadigt sie den Delinquenten. Doch der Kammerdiener, der das revidierte Urteil überbringen soll, kommt zu spät.

Er laßt die Hand küssen, er ist schon tot.

Kein Gespräch zwischen Herrin und Diener

Viermal lässt Mischka der Gräfin die Hand küssen und signalisiert sein Einverständnis mit ihren Wünschen und Anordnungen. Der neuen Arbeitsstelle scheint er ebenso zuzustimmen wie der Trennung von der Geliebten, der Festnahme und schließlich auch der unmenschlichen Bestrafung. Von Mischka selbst hören wir die stereotype Formel allerdings nie. Immer ist es der Kammerdiener Fritz, der sie seiner Herrin überbringt und ihr damit das gute Gefühl vermittelt, ihre Befehle würden nicht nur bedingungslos befolgt, sondern auch verstanden und positiv aufgenommen.

Ein direktes Gespräch zwischen der Gräfin und ihrem Schutzbefohlenen findet also nicht statt. Das soziale Distanzgefühl ist vielmehr so groß, dass der Arzt auf ehrliches Unverständnis stößt, als er um Verständnis für Mischkas schwierige Lage wirbt und an die persönliche Verantwortung der Gutsherrin appelliert.

Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.

Das Gedächtnis als Muse

Die Geschichte um das verhängnisvolle „ius gladii“ ist in eine Rahmenhandlung eingebettet, die Ebner-Eschenbach Gelegenheit gibt, die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Erzählten kontrovers zu diskutieren. Ein alter Graf schildert die Ereignisse der Binnenerzählung einer misstrauischen Freundin, die ihn mehrfach unterbricht, um auf vermeintliche Übertreibungen hinzuweisen und schlichtweg bestreitet, dass sich der Berichterstatter tatsächlich in die beschriebenen Personen hineindenken und -fühlen kann. Doch der Graf besteht auf genau dieser Fähigkeit. „Bis über die Ohren“ will er vor allem in der Haut Mischkas stecken, der seiner eigenen Großmutter „Anlaß zu einer kleinen Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll“.

Aus persönlicher Nähe ist Betroffenheit entstanden, die ihn aber nicht daran hindert, den Ablauf der Ereignisse so korrekt wie möglich wiederzugeben. Erfunden, so suggeriert der Erzähler der immer unwilliger zuhörenden Gräfin (und mit ihr allen Lesenden) ist hier gar nichts! Diese Geschichte gewinnt ihre beklemmende Wirkung nicht aus literarischer Fiktion, sondern aus der Erinnerung an reale Vorgänge: „Das Gedächtnis ist meine Muse.“ Tatsächlich bezog sich Marie von Ebner-Eschenbach auf einen historischen Vorfall, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in einem ungarischen Dorf ereignete.

Die Freifrau, die 1885 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen zählte, war ihrer Zeit voraus, aber keine Revolutionärin. Sicher hatte sie es nicht darauf abgesehen, der eigenen Klasse die Existenzberechtigung zu entziehen. Viel lieber wollte Ebner-Eschenbach diese wieder auf eine solide, von Ehrlichkeit, Anstand und Empathie gefestigte Grundlage stellen. Aus dem allemal ehrenwerten Versuch erwuchs ihr später der Vorwurf, soziale und gesellschaftliche Konflikte einzufrieden und den Blick für die Notwendigkeit substanzieller Veränderungen nachgerade zu verschleiern. Wer Ebner-Eschenbachs Werk aus seiner Zeit heraus betrachtet, kann freilich auch zu dem Schluss kommen, dass der Spagat, den sie vollführte, ein durchaus moderner war.