Ein Blick auf den musikalischen Einfallsreichtum, die formale Stringenz und die leuchtende Schönheit der „Sinfonia drammatica“ sollte ausreichen, um sie zu einem der berühmtesten Werke Ottorino Respighis zu machen. Doch nicht einmal unter den Mitgliedern des Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, die Robert Trevino im Sommer 2025 für seine fulminante Neueinspielung versammelte, gab es jemanden, der das Stück irgendwann einmal gespielt oder auch nur gehört hatte.
Auch mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Uraufführung (1915) scheint es fast so, als sei Respighis einzige Symphonie von der bald folgenden römischen Trilogie „Fontane di Roma“, „Pini di Roma“ und „Feste Romane“ verschluckt oder – andersherum – von Werken eingesaugt worden, die ihre Entstehung einer wenigstens temporär ähnlich gearteten musikalischen Empfindung verdankten. Immerhin wurden César Franck, Nikolai Rimsky-Korsakoff, Richard Strauss, Gustav Mahler, ja sogar Richard Wagner schon als vermeintliche Paten identifiziert.

Auch wenn die Sinfonia tief in der Spätromantik wurzelt, folgt sie einer ganz eigenen Dramaturgie und klaren inhaltlichen Vorstellungen. Hier findet jemand im üppigen Orchesterapparat nicht nur Halt an einem immer wiederkehrenden Hauptthema, sondern Lösungen, die vielleicht Respighi-spezifisch wären, wenn sich der unruhige Komponist nicht schon längst wieder nach anderen Farben und Formen umgesehen und auf den Gedanken gekommen wäre, seinen Noten dann doch einen Gegenstand, wenn nicht gar ein Programm zu unterlegen.
Die „Sinfonia drammatica“ darf dagegen als Musterbeispiel absoluter Musik betrachtet werden, die über mehr als eine Stunde eine verblüffende prozessuale Logik, vor allem aber eine unwiderstehliche Sogwirkung entfaltet. Robert Trevino lotet auch die unscheinbarsten Aspekte der Partitur aus, lässt das musikalische Geschehen aber nie ins Ungefähre abgleiten. So gilt Respighis Diktum, die Symphonie sei „eine Mammutaufgabe“, nicht nur für den Komponisten, sondern auch für das Publikum. Wer dabeibleibt wird freilich reich belohnt, dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI gelingt unter Trevinos umsichtiger Leitung eine packende, spannungsgeladene und sehr facettenreiche Darbietung.
Ottorino Respighi: Sinfonia drammatica, Ondine


