Das Zaun-Wort in Hamburg

Hat der Name der Stadt Hamburg etwas mit dem beliebten englisch-amerikanischen Frühstücksklassiker ‚ham & eggs“ (Kochschinken und Eier) zu tun? Der von den Medien zum „Herr der Namen“ erkorene Jürgen Udolph, Indogermanist und Slawist sowie ehemalige Professor für Onomastik (Namenkunde) an der Universität Leipzig, ist dieser Ansicht.

Er geht davon aus, dass der erste Teil des Namens Ham- mit englisch ham ‚Schinken’ verwandt sei, hier aber in einer Grundbedeutung ‚Biegung, Krümmung, Winkel’ vorliege. Gemeint sei der Winkel zwischen Alster und Elbe. Im großen Ausstellungsband zur Frühgeschichte Hamburgs „Mythos Hammaburg“, der 2015 erschienen ist, meint Christian Frey ham bedeute ‚eingefriedete Wiese, Koppel‘. Hamburg sei also eine ‚Wiesenburg‘ gewesen. Die Lage im Weideland habe somit namengebend für die Urbefestigung Hamburgs gewirkt.

Aber was ist dran an diesen beiden Deutungen? Udolphs Herleitung geht letztlich zurück auf altenglisch hamm ‚Kniebeuge‘, althochdeutsch hamma / hammo ‚Bein, Knie, Kniekehle, Schenkel‘, aus denen sich dann auch die Bedeutung ‚Schinken‘ entwickelt hat. Doch bedeutet das Wort ham hier weder Biegung noch Krümmung. Das ist erst eine übertragene Bedeutung. Und auch die Bedeutung ‚Wiese‘, die Christian Frey ansetzt ist erst sekundär. Primär ist die Einfriedung, der Zaun, der die Wiese abgrenzt und diese erst zu dem macht, was sie ist: eine Fläche, die zum Beweiden durch Nutztiere oder zur Gewinnung von Futtermitteln dient.

Zu der Erkenntnis, das ham ursprünglich ein „Zaun-Wort“ ist, gelangt man, wenn man sich die im Niederdeutschen überlieferten Wortbedeutungen ansieht. Das überkommene historische Wortmaterial spricht nämlich eine ganz andere Sprache. Auf Basis der Quellenbelege übersetzt das Mittelniederdeutsche Wörterbuch: „ein (durch Gräben) eingefriedigtes Stück Land, auf der Geest, wo die Einfriedung durch Hecken, Wälle, Knicke etc. geschieht, kamp genannt.“

Weseler Stadtrechnungen, 30 geraubte Bullen und eine Schlacht in Suderhamme

Hier seien einige Beispiele zur Verdeutlichung genannt: In den Weseler Stadtrechnungen wird zum 17. Mai 1447 berichtet, dass „die halbe Stadt zum Landhüten beim ham gegenüber Rheinberg“ lag. In diesem Zusammenhang bezeichnet ham einen Schutzzaun bzw. eine Landwehr, also eine befestigte Einfriedung, die der Sicherung des Territoriums diente. Ein weiterer Nachweis findet sich in einem Gerichtsfall aus Eiderstedt von 1479/80. Zwei Dithmarscher klagen dort, dass ihnen dreißig Bullen geraubt und anschließend „in en ham“ fünf Tage lang festgehalten worden seien. Da die Tiere in dieser Zeit eingeschlossen waren und schließlich eingingen, muss es sich bei diesem ham um einen stabilen Pferch oder ein festes Zaunwerk aus Bohlen und Planken gehandelt haben, das auch größere Tiere sicher einschließen konnte – vor allem, wenn diese nicht mit Wasser und Futter versorgt wurden.

Ein drittes Zeugnis liefert eine Holsteinische Chronik von 1448, die eine Schlacht von 1404 gegen die Dithmarscher beschreibt. Der Ort der Schlacht wird als „Suderhamme“ bezeichnet und näher charakterisiert: Das Gebiet besaß eine starke Befestigung mit zwei oder drei Gräben und lag in sumpfigem Gelände mit dichtem Wald; durch dieses führte ein enger steinerner Weg. Diese Beschreibung zeigt deutlich, dass ham hier ein befestigtes, eingehegtes Gelände meint. Der Dithmarscher Chronist Johann Adolf Neocorus (16.-17. Jahrhundert) greift diese Darstellung später auf und erklärt Suder-Hamme ausdrücklich als Landwehr mit mehreren Gräben und dichter Bewachsung, durch die ein schmaler Weg führte. Auch diese Erklärung bestätigt, dass ham ursprünglich eine Einfriedung oder Befestigung bezeichnete.

Eine doppelt gesicherte Festung

Hamburg, im 9. Jahrhundert als „Hammaburg“ belegt, ist also wörtlich weder eine ‚Wiesenburg‘ noch eine ‚Befestigung im Winkel zwischen Alster und Elbe‘, sondern eine ‚Wehranlage mit einem Zaun oder einer Einfriedung‘, eine ‚Zaun-Burg‘. Dass auch Burgen mit Planken-Zäunen umgeben wurden, berichtet Levold von Northof in der Mitte des 14. Jahrhunderts in seiner Chronik der Grafen von der Mark anlässlich der Errichtung der Burg Limburg an der Lenne in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts. Es wird erzählt, dass der Bauherr, Herzog Heinrich von Limburg, so viele Soldaten dort hatte, „quot tabule sive plante, quibus castrum firmabatur“, also ‚wie die Bretter oder Planken, mit denen die Burg abgesichert wurde’. Die Hammaburg, war also wohl eine doppelt gesicherte Festung.

Wenn der Ortsname Hamburg auch nichts mit Knie, Schenkel oder Schinken zu tun hat und die Stadt damit keine sprachliche Verbindung zu ‚ham & eggs“ aufweist, so ist sie aber doch Namengeberin des beliebten Hamburgers. Denn das Brötchen mit verschiedenen Belägen und würzigen Soßen, das heute vielfach auch nach seinen Hauptbestandteilen Cheese-, Chicken-, Fish-, Veggie-Burger oder allgemein nur kurz Burger genannt wird, hat seinen Namen ebenfalls nicht vom englischen Wort ham für ‚Schinken‘ erhalten, wie oft behauptet wird, sondern tatsächlich vom Namen der Stadt. Beim Hamburger handelt es sich ursprünglich um ein von einem Ortsnamen abgeleitetes Adjektiv vom Typ Frankfurter (Würstchen), Wiener (Schnitzel) oder Berliner (Krapfen). Beim Hamburger müsste man also eigentlich noch „Brötchen“ ergänzen.