Sein monströser Roman „Zettels Traum“ (1970) umfasst 1334 DIN-A3 Seiten und ist selbst für Spezialisten mehr als eine echte Herausforderung. Doch auch der Schriftsteller Arno Schmidt arbeitete sich schrittweise an sein Hauptwerk heran. 1953 erschien die am Dümmer spielende Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“, die für einen handfesten Skandal sorgte.
Der Schriftsteller Joachim Bomann fährt im Sommer mit dem Zug nach Diepholz, wo er seinen alten Kriegskameraden Erich Kendziak trifft. Am Dümmer begegnen die beiden Selma Wientge und Annemarie Waniek, zwei Stenotypistinnen aus Osnabrück. Während Erich ein Verhältnis mit Annemarie beginnt, kommt Joachim der verlobten Selma so nahe, dass beide „sausend aufeinander davonreiten“. Er gibt ihr den Kosenamen Pocahontas – nach einer Indianerprinzessin, die im frühen 17. Jahrhundert den Tabakpflanzer John Rolfe heiratete und als Botschafterin am englischen Hof empfangen wurde.
Bei gemeinsamen Essen, Ausflügen und Bootsfahrten diskutieren die Sommerfrischler mit Vorliebe über Politik und Religion. Die konservative Adenauer-Ära ist ihnen ebenso zuwider wie Kirche, Papst und Christentum. Doch ändern können sie weder ihre persönlichen noch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Nach fünf Tagen ist der Urlaub vorbei. Joachim bringt Selma zum Bus. Erich versucht ihn aufzumuntern – ohne Erfolg: „Mein Kopf hing noch voll von ihren Kleidern und ich antwortete nicht.“

Arno Schmidts ironische, bilderreiche Erzählung gehört längst zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Heute präsentiert sie der Suhrkamp Verlag als „Geschichte einer spontanen und flüchtigen Sommerliebe“ und „die vielleicht zärtlichste Prosa Arno Schmidts“. Die Oberstaatsanwaltschaft Trier beurteilte das Büchlein 1956 völlig anders. Nach ihrer Einschätzung handelte es sich um einen Text, „der Religionsbeschimpfungen und Gotteslästerungen enthält und weiterhin Schilderungen sexuellen Charakters bringt, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen.“
Schmidt und sein Herausgeber Alfred Andersch durften sich innerlich bereits auf eine mehrjährige Haftstrafe vorbereiten. Doch dann nahm sich die Staatsanwalt Stuttgart des Falles an und beauftragte den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit einem Gutachten. Hermann Kasack kam zu dem Schluss, dass Literatur eben immer ein Spiegel ihrer Zeit sei: „Wenn gegenwärtig häufig so viel Krasses, Chaotisches, Hässliches, Brüchiges darin sichtbar wird, so liegt das weniger am Willen des Autors, als eben an der Zeit.“ Im Juli 1956 wurde das Verfahren eingestellt.


