Fromental Halévys „La Juive“ war eines der erfolgreichsten Werke der französischen Grand opéra, bis die Nationalsozialisten es von den Spielplänen verbannten. Seit der Wiederentdeckung durch John Dew, der die Oper in den 1980er und 90er Jahren gleich dreimal inszenierte, kehrt sie in unregelmäßigen Abständen auf die Bühne zurück. Die Neuproduktion, für die Tatjana Gürbaca 2024 an der Oper Frankfurt verantwortlich zeichnete, ist nun auf DVD und Blu-ray bei Naxos erschienen.
Es ist ein düsteres Szenario, das Fromental Halévy und sein Textdichter Eugène Scribe 1835 auf die Bühne der Pariser Oper stellen. Gewaltbereite religiöse Fanatiker machen sich auf die Suche nach einem Opfer für ihre Wahnvorstellungen und Allmachtsphantasien. Als sie in dem jüdischen Goldschmidt Éléazar das naheliegendste gefunden haben, schlägt der Verfolgte zurück und verfällt einer Rachsucht, die auch noch dem einzigen, hier völlig unschuldigen Menschen das Leben kostet.
Rachel, die in Wahrheit keine Jüdin ist und ihr Geliebter Samuel, der eigentlich Léopold heißt und kaum als überzeugter Christ durchgeht, haben einen Moment, um das alles hinter sich lassen: Eltern, Familien und vorbereitete Ehepartner, die religiösen Vorschriften, den sozialen Status quo, die Gewalt und die ganze furchtbare Destruktivität. Doch ihr ausschweifendes, fluchtvorbereitendes Duett wird von Éléazar rüde unterbrochen, ehe die mordlüsterne Mehrheitsgesellschaft und ihre nichtgewählten Anführer auf den Plan treten. Die Hoffnung, ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können, ist unwiderruflich dahin.
Das Turmgerüst von Klaus Grünberg, das die Frankfurter Bühne fünf Akte lang beherrscht, ist trotz wechselnder Beleuchtung kein idealer Hintergrund für die unterschiedlichen Handlungsebenen und verwickelten persönlichen Beziehungen. Doch auch wenn manche Aktionen abgehackt, gezwungen und nachgerade unlogisch wirken, überzeugt Tatjana Gürbaca mit einer ganzen Reihe eindrucksvoller Bilder und Ideen. Die im Leiden hinterhältige, zwischen It-Girl und Shopping-Queen schwankende, ihre (von Gürbaca frei erfundenen) Kinder instrumentalisierende Prinzessin Eudoxie, der verzweifelte, sich bis zum Schlagabtausch steigernde Zwiegesang zwischen Éléazar und Brogni oder die als absurder Totentanz gestaltete Schlussszene bleiben im Gedächtnis. Das gilt wohl auch für das „Imagevideo“ von Nadja Krüger, das zur obligatorischen Ballettmusik eingespielt wird und Léopold als tapsigen Feldherrn karikiert, der am Ende seine mit Teufelshörnern dekorierte Geliebte ersticht.

Musikalisch ist „La Juive“ ohnehin und noch immer eine echte Entdeckung. Die Partitur besticht durch phantasievolle, abwechslungsreiche Arien, Duette und Ensembleszenen, opulente Chorsätze – und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester bekommt unter der zupackenden Leitung von Henrik Nánási ebenfalls reichlich Gelegenheit, seine Klasse unter Beweis zu stellen.
Der großartig abgestimmte Chor und Extrachor der Oper Frankfurt (Einstudierung: Tilman Michael) und herausragende Solisten machen diese Produktion endgültig zu einem besonderen Erlebnis. John Osborns Tenor (Éléazar) strahlt nicht nur in der Höhe, er überzeugt auch in weniger exponierten Lagen und macht die ganze Dramatik dieser Rolle glaubhaft. Sein Gegenspieler, der vermeintlich vom Saulus zum Paulus gewandelte Brogni, ist mit dem sonoren Bass Simon Lims ideal besetzt, während Monika Buczkowska als zwielichtige Eudoxie stimmlich und darstellerisch keine Wünsche offenlässt. Ambur Braid leiht der Titelfigur ihren warmen, gleichwohl durchsetzungsstarken und sehr differenzierten Sopran, während Gerard Schneider als wankelmütiger, mal wild aufbrausender, mal gänzlich verzagter Léopold gefällt.
Fromental Halévy: La Juive, DVD und Blu-ray, Naxos


