Das gestillte Sehnen

Sie wurde von Liszt geküsst, von Bruckner unterrichtet und von Hanslick immerhin geduldet. Mit einer gleichberechtigten Anerkennung ihrer künstlerischen Leistungen hatte das freilich nichts zu tun. Das breitgefächerte Oeuvre der Mathilde Kralik von Meyrswalden tauchte schon zu ihren Lebzeiten (1857-1944) nur selten auf Opern- und Konzertbühnen auf. Nach ihrem Tod kam das Interesse vollständig zum Erliegen und so vergingen fast 80 Jahre, bis die 1903 komponierte, 1942 überarbeitete „Hymnische Symphonie“ ihre Uraufführung erlebte. Immerhin, die späte Weltpremiere am 18. September 2021 im Linzer Brucknerhaus wurde ein großer Erfolg. Der Live-Mitschnitt dokumentiert nun nicht nur ein außergewöhnliches musikalisches Erlebnis. Er ist ein mitreißendes Plädoyer für die längst überfällige Wiederentdeckung einer bemerkenswerten Künstlerin.

„Meine Kompositionen sind zum Teil gedruckt, zum größeren Teil noch Manuskript“, schrieb Mathilde Kralik von Meyrswalden im Herbst 1904, rund 30 Jahre nachdem sie bei Anton Bruckner studiert und mit einem spektakulären Klaviervortrag den großen Franz Liszt begeistert hatte. Ihre künstlerischen Ambitionen gab sie trotz der insgesamt bescheidenen und mitunter herablassenden Resonanz nicht auf. Kralik komponierte drei Opern und zwei Oratorien, Orchesterwerke, ein Violinkonzert, Orgelstücke, Lieder und Kammermusik. Auf den Versuch, ihren Bekanntheitsgrad durch einflussreiche Kontakte und Netzwerke zu erhöhen, legte sie offenbar weniger Wert. Über 30 Jahre lang lebte Kralik mit ihrer Partnerin, der Lektorin Dr. Alice Scarlates – wenn nicht zurückgezogen, dann doch unauffällig – in derselben Wiener Wohnung und blieb ihren zumeist streng katholischen und erzkonservativen Überzeugungen treu.

Wer die in zwei Anläufen entstandene „Hymnische Symphonie“ zum ersten Mal hört, dürfte – ähnlich wie bei der spät entdeckten und seitdem vermehrt gespielten Es-Dur-Symphonie ihres Kommilitonen Hans Rott – verblüfft sein, dass sie nicht längst zum spätromantischen Standardrepertoire gehört. In vier Sätzen entrollt Kralik ein fesselndes Klangpanorama, das mit eingängigen Themen und prägnanten Rhythmen besticht, aber auch einer klaren Dramaturgie folgt. Deren Spannungsbogen reicht vom rhapsodischen Eingangssatz über das idyllische Adagio und ein quirliges Scherzo bis zum tatsächlich hymnischen Finale, in dem ein verstärkter Sopran oder eine durchdringende Wagner-Heroine gegen das entfesselte Orchester antreten muss.

Ein „Land des Friedens“, welches „unser Sehnen stillt“ wird in der von Kralik gedichteten „Hymne“ beschworen – es kann nach Lage der Dinge nur das Reich der Musik sein. Dass es mehr als 80 Jahre nach dem Tod der Komponistin nun endlich betreten werden kann, ist dem Female Symphonic Orchestra Austria und seiner Chefdirigentin Silvia Spinnato zu verdanken, die sich der herausfordernden Aufgabe mit Verve und Leidenschaft, perfektem Timing und einem Gespür für dramatische Entwicklungen stellen.

Jacquelyn Wagner ist die stimmgewaltige Sopranistin dieser Aufnahme, die im zweiten Teil eine ganz andere Schaffensperiode von Mathilde Kralik von Meyrswalden beleuchtet. Das Klaviertrio in F-Dur entstand bereits 1880 und gab dem Starkritiker Eduard Hanslick Gelegenheit zu einer wohl positiv gemeinten, vor Gönnerhaftigkeit allerdings geradezu triefenden Bestandsaufnahme:

Die Komposition des jungen Fräuleins, einer Musterschülerin des Wiener Konservatoriums, hat uns auf das angenehmste überrascht. Komponistinnen sind selten und begnügen sich meistens mit niedlicher Anfertigung kleinerer Tonstücke. Mathilde von Kralik beweist durch ihre große, viersätzige Sonate, dass sie die Sache ernster nimmt und zu bedeutenderen Leistungen berufen ist. Ein Zug von Gediegenheit, Solidität und fast männlichem Ernste geht durch dieses Stück …
Neue Freie Presse, 19. April 1878

Chanelle Bednarczyk (Violine), Alba Hernández Cárcamo (Violoncello) und Heghine Rapyan Klavier (Klavier) spielen das Trio ohne jeden geschlechtsspezifischen Vorbehalt. Sie entdecken dabei Kammermusik von auffallender Qualität, die sich durch ihren melodischen Einfallsreichtum auszeichnet und durch überraschende Tempo- und Themenwechsel für fortlaufende Spannung sorgt. Ein großartiges Album, das die Hoffnung schürt, in möglichst naher Zukunft noch viel mehr von Mathilde Kralik zu hören!

Buch- und Link-Tipp: Rochus Kralik von Meyrswalden hat im Fehnland Verlag eine Biographie seiner Urgroßtante vorgelegt („Ein Kuss von Franz Liszt. Mathilde Kralik von Meyrswalden“) und auch eine ➤ Internetseite mit Dokumenten zu Leben und Werk realisiert.

Mathilde Kralik von Meyrswalden: Hymnische Symphonie / Klaviertrio in F-Dur, Gramola