Der Hunger der Toten

Aufgelesen (35): Hans Leberts Roman „Die Wolfshaut“.

Um die Ziegelei am südlichen Dorfausgang machen die Bewohner von Schweigen einen großen Bogen. In den letzten Kriegstagen haben einige ihrer Mitbürger dort sechs Kriegsgefangene erschossen und anschließend verscharrt. Jahre später wird einer der heimtückischen Mörder tot aufgefunden. Doch das ist erst der Anfang.

„Die Wolfshaut“ war der erste österreichische Roman, der sich schonungslos mit den Verbrechen des Dritten Reiches, der Verantwortung der 1938 angeschlossenen Alpenrepublik und dem Phänomen der kollektiven Verdrängung auseinandersetzte. Dieses Buch sperrte sich gegen das Vergessen und formulierte darüber hinaus einen ungeheuerlichen Vorwurf: Um Untersuchungen und eine rechtskonforme Strafverfolgung zu verhindern, sei die nur pro forma entnazifizierte Gesellschaft jederzeit bereit, neue Untaten zu begehen oder zu decken.

(…) die, die den Krieg noch mitgemacht und Menschen getötet (oder gequält) hatten, schauten auf einmal wie unter Stahlhelmen, zeigten gespannte, verkrampfte Gesichter, als kauerten sie noch immer im Graben, bereit, einen Angriff abzuwehren oder selbst (auf ein Zeichen hin) anzugreifen, vorzustoßen ins Uferlose – aus der grauen Wüste der Eintönigkeit, aus dem furchtbaren Nichts des geordneten Lebens, aus Ackerbau, Viehzucht und Forstverwaltung, wo es keinen Feind mehr gab -, vorzustoßen dorthin, wo jeder des anderen Feind werden mußte.

Diese wenigen Zeilen erklären, warum die erste Ausgabe, die 1960 im Claaßen-Verlag erschien, in Westdeutschland und Österreich kaum rezipiert wurde. In der DDR, die sich aus durchschaubaren Gründen und ohne tatsächliche Legitimation, als antifaschistisches Bollwerk ausgab, wurde die Neuauflage nur zwei Jahre später ein durchschlagender Erfolg.

Die Schuld der Täter und die Mitschuld der schweigenden Mehrheit in beispielloser Schärfe benannt und bis in ihre psychologischen und gruppendynamischen Verästelungen hinein erkundet zu haben, ist Leberts bleibendes Verdienst. Aber es gibt nicht nur historische und politische Gründe, um „Die Wolfshaut“ in die Reihe der bedeutendsten Romane der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu stellen.

Ein Himmel aus blauen Scherben

Vor allem anderen ist dieses Buch ein Sprachkunstwerk ersten Ranges. Auf dem Grundgerüst einer Kriminalgeschichte errichtet Hans Lebert über 600 Seiten ein vielschichtiges, metaphorisch aufgeladenes Beziehungsgeflecht, das die Geschehnisse im Dorf zu Teilen eines Weltgerichtes macht. Die Ortschaft wird zur ´brüchigen Rune in einem Notizbuch´, ehe sie in den ´liquidierten Himmel hineinwächst´, der ´in blauen Scherben auf die Bewohner niederprasselt´.

In wohl kaum einem anderen Roman herrscht auf so virtuose Weise schlechtes Wetter. Der Erzähler lässt es regnen, stürmen, gewittern und schneien, bis ganz Schweigen unter Dreck, Matsch und Unrat begraben ist. Der Fotograf Maletta, der die Mörder von einst zur Rechenschaft zieht und den „Hunger der Toten“ zu stillen versucht, wächst in dieser Umgebung weit über die Rolle eines Rächers hinaus. Er mutiert zu einem „haarigen Unding aus Nässe und Nacht“, das den Willen des Bösen, das die Menschen in die Welt gesetzt haben, vollstreckt.

In diesem Tale liegt es gut getarnt und stellt sich schlafend, nicht nur der Mord, auch das Verlangen, zu morden, zu rächen, und gerade seiner hat es sich bemächtigt. Es ist ihm im Leibe gewachsen wie eine Geschwulst. An seinem Blute hat es sich gemästet. Und eines Tages ist es über ihn hinausgewachsen; nun droht es als riesige, nachtschwarze Pestwolke über der Ortschaft!

Sinnfragen stellt neben Maletta auch der „Matrose“, ein zweiter Außenseiter, der sich auf der metaphysischen Suche nach dem verschwundenen Vater und einem „blauen Lied“ befindet. Er erkennt in einem existenziellen Moment, dass das Gute und das Böse so wie Leben und Tod zusammengehören. Sie sind „zwei Masken des einen, großen, ewigen Rätsels“.

So weist „Die Wolfshaut“ am Ende über die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrer singulären Verbrechen hinaus – ohne sie in irgendeiner Weise zu relativieren. Dieser vielschichtige Ausklang spiegelt sich im Leben des Verfassers. Hans Lebert entging während des Dritten Reiches nur knapp einer Verurteilung wegen „Wehrkraftzersetzung“, verstand sich aber gleichwohl als Patriot und war weit davon entfernt, sich – wie etwa der Schriftstellerkollege Thomas Bernhard – in einer Daueropposition einzurichten.

Als Aushängeschild des Literaturbetriebs mochte er freilich auch nicht dienen. Nach seinem zweiten großen Roman „Der Feuerkreis“ (1971) stellte er das Publizieren ein, bis eine Neuauflage der „Wolfshaut“ 1991 wieder ein größeres Publikum fand. Lebert starb nur zwei Jahre später, sein opus magnum, das mit Fug und Recht als Jahrhundertroman bezeichnet werden darf, erschien letztmals 2008 im Neuer Europa Verlag und ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.

Versuche mehrerer Verlage, die Witwe zu einer Neuauflage zu bewegen und den Nachlass der Forschung zu öffnen, scheiterten. Der beste Lebert-Kenner Jürgen Egyptien veröffentlichte 2019 aus Anlass des 100. Geburtstages immerhin eine „biographische Silhouette“. Außerdem fand „Die Wolfshaut“ 2021 ein vielbeachtetes literarisches Echo. Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ bezieht sich auf ein bis heute unfassbares Verbrechen in Rechnitz (Burgenland), wo im März 1945 etwa 200 Zwangsarbeiter von Besuchern eines Schlossfestes ermordet wurden. Die Bezüge zu Leberts Text sind vielfältig – ein Beleg für die Langzeitwirkung dieses beeindruckenden Romans.