Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bildete man sich in Adelskreisen gerne fern der Heimat. So auch der letzte regierende Fürst zur Lippe, Leopold IV. (1871-1949). Die „Grand Tour“ des 22-jährigen durch die USA hatte Folgen, die heute wieder im Detmolder Residenzschloss zu hören sind.
Bei seinem Besuch auf der Weltausstellung 1893 in Chicago sowie in den zahlreichen Villen wohlhabender Industriellenfamilien kamen Leopold Töne zu Ohren, die ihn nicht wieder losließen. Auslöser seiner Begeisterung waren die Orgeln und Pianos der 1878 gegründeten „Aeolian Company“. Deren sowohl manuell bedienbare als auch mit einer Selbstspielvorrichtung ausgestatteten Instrumente erfreuten sich größter Beliebtheit.

Nach seiner Rückkehr aus den USA erwies es sich als ausgesprochener Vorteil, dass der weltweit führende Orgelhersteller auch zwei Niederlassungen in Deutschland unterhielt. So war es nicht weiter verwunderlich, dass der als technik-, kunst- und theateraffin geltende Regent 1914 in den Geschäftsräumen der Berliner Niederlassung vorstellig wurde. Die von Leopold IV. ausgewählte Orgel musste in den USA bestellt werden. Die Auslieferung scheiterte dann jedoch am kurz darauf ausbrechenden 1.Weltkrieg. Die britische Seeblockade gegen Deutschland und Österreich-Ungarn verhinderte bis auf weiteres die Lieferung des Wunschmodells.
Die Aeolian Company und Fürst Leopold IV. einigten sich deshalb auf ein aus verschiedenen Komponenten, die in Deutschland verfügbar waren, zusammengebautes Modell. Der Zeitplan geriet trotzdem noch einmal kurzfristig ins Wanken, sodass sich der notwendige Besuch eines Firmenvertreters im Detmolder Residenzschloss verzögerte. „Um die Orgel angemessen platzieren zu können, waren größere Umbauarbeiten notwendig. Im Obergeschoss des Schlosses wurden zwei Räume durch Entfernen einer Wand zusammengelegt. Der neu geschaffene kleine Saal sollte neben der Orgel auch der fürstlichen Bibliothek und der Münzsammlung Platz bieten und als Empfangsraum dienen. Er wurde fortan als ‚Bibliothekssaal‘ bezeichnet,“ schreibt Dr.-Ing. Christian Steinmeier vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Abteilung Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen.
Mit Kriegsbeginn waren allerdings auch die zivilen Mitarbeiter der Aeolian Company aus Großbritannien und den USA, die sich in Deutschland aufhielten, in Schutzhaft genommen und in Lagern interniert worden. Leopold IV. gelang es tatsächlich, für den inhaftierten britischen Orgelbauer Thomas Perks einen mehrwöchigen Hafturlaub zu erwirken, damit er sich in Detmold dem Aufbau der Orgel widmen konnte. Im Frühjahr 1917 konnte das Instrument in Betrieb genommen werden.

„Das komplett neu geplante und gebaute Bibliotheks-Orgelzimmer war Leopolds privates Refugium,“ sagt Kuratorin Lisa-Marie Bergann (M.A.). Oft saß der Fürst selbst an der Orgel, er überraschte aber auch gerne geladene Gäste in der Bibliothek, wenn auf ein geheimes Zeichen das Instrument zu spielen begann. Der Organist war nicht zu sehen, die Musik schien durch den Raum zu schweben. Bisweilen wurde auch eine Tonrolle eingelegt, welche die Musik automatisch reproduzierte. Nach dem Tod seiner ersten Frau im Jahre 1919 zog sich Leopold jeden Nachmittag an diesen Ort zurück, um für zwei, drei Stunden Orgel zu spielen.
Der Organist Mario Planken liebt an der elektro-pneumatischen Orgel in Detmold vor allem den besonderen Klang, mit dem die hinter den Bücherregalen versteckten Pfeifen sowie das Glockenspiel den Raum fluten. Hier entsteht eine ganz besondere, sehr intime Atmosphäre, weit entfernt vom gewohnten Orgelklang in einer Kirche. Beim Besuch unseres Redakteurs belegt Planken diese Beschreibung sehr eindrucksvoll durch seine Interpretation des Animal-Hits „House of the rising sun“. Die erhaltenen etwa 80 Tonrollen aus Papier zeugen dagegen von der vor 100 Jahren in aristokratischen Kreisen beliebten und verbreiteten „Salonmusik“: Man spielte und hörte arrangierte Opernmelodien oder romantische Stücke von Grieg, Wagner und anderen Komponisten.

Ein Wasserschaden legte um 1940 die komplette Elektrik lahm. Die knappen finanziellen Mittel der Schlossfamilie erlaubte keine schnelle Restaurierung, überdies starb der orgelbegeisterte Schlossherr im Jahr 1949. Etwa 70 Jahre später begannen der jetzige Eigentümer Stephan Prinz zur Lippe und die LWL-Denkmalpflege sich mit den Möglichkeiten einer Instandsetzung zu beschäftigen. Auf wissenschaftliche Untersuchungen folgten Konzepte, Ausschreibungen, Förderanträge und letztlich die ersehnte Restaurierung, die pünktlich zum Tag des offenen Denkmals 2025 abgeschlossen werden konnte. „Hierbei konnte der unverändert überlieferte Originalbestand erhalten werden, erneuert wurden ausschließlich Verschleißteile,“ erklärt Christian Steinmeier und betont die außerordentliche historische Bedeutung dieser denkmalpflegerischen Maßnahme: „Nur wenige Baudenkmäler sind auch akustisch wahrnehmbar. Die prominentesten Vertreter dieser Denkmalkategorie sind die Orgeln, die fast ausschließlich in Sakralräumen zu finden sind. Die Anzahl der profanen Orgeln von historischem Wert ist verschwindend gering – umso wichtiger ist ihr Erhalt für die Denkmalpflege. Als Zeugnis der höfischen Musikkultur ist die Detmolder Orgel in Westfalen einzigartig und nach derzeitigem Kenntnisstand in ganz Europa ohne vergleichbares Beispiel.“

Über die seit kurzem wieder spielbare Orgel freut sich auch die Kuratorin Lisa-Marie Bergann. Sie plant, die Orgel ab Sommer 2026 wieder einem größeren Publikum zugänglich und vor allem hörbar zu machen.
Linktipp ➤ www.schloss-detmold.de
Publikation zum Thema: Christian Steinmeier, Die halbautomatische Orgel von 1917 in der Bibliothek des Detmolder Schlosses, in: Denkmalpflege inWestfalen-Lippe, Heft 2022/1, S.4-10; Hg.: LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen


