Hans Wunderlich (1): Engagierter Journalist und überzeugter Demokrat

Eine Demokratie braucht Demokraten: Einer, der sich für ein freies und gerechtes Deutschland bereits engagierte, bevor die Bundesrepublik überhaupt gegründet wurde, war Hans Wunderlich. Der in München geborene Journalist leistete nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Arbeit beim Aufbau einer unabhängigen Presselandschaft. Außerdem war er anno 1949 einer von nur 65 (!) stimmberechtigten Abgeordneten der westlichen Besatzungszonen, die im Parlamentarischen Rat jenes Regelwerk unserer heutigen Republik diskutierten, formulierten und beschlossen, das zum Fundament der Bundesrepublik Deutschland werden sollte.

Geboren im Sommer 1899 ist der Katholik Wunderlich zunächst alles andere als jener tief überzeugte Sozialdemokrat, als der er später bekannt wird. Denn als Sohn eines autoritären Gymnasialdirektors wächst er ohne materielle Probleme im gut situierten Münchner Bürgertum auf. Trotzdem entwickelt er schon früh eine tiefe und dauerhafte Aversion gegen das konservative Milieu seiner Eltern. Dem leistungsorientierten Vater gefällt es umgekehrt keineswegs, dass der Filius „nur“ die „Oberrealschule“ statt des standesgemäßen Gymnasiums absolviert.

15 Jahre alt ist Hans, als der Erste Weltkrieg beginnt. Seine freiwillige Meldung zum Kriegseinsatz ist auch das Ergebnis seiner bürgerlichen Herkunft. Im Schützengraben zahlt er bitteres Lehrgeld. Mit gerade einmal 18 Jahren erlebt Hans an der Westfront ziemlich schnell all jene Kriegsgräuel, die Erich Maria Remarque später in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ (1928) dokumentieren wird. Dass Wunderlich nach 1945 zum leidenschaftlichen Verfechter eines Rechts auf Kriegsdienstverweigerung wird, ist nicht zuletzt den persönlich prägenden Fronterfahrungen geschuldet.

Als Kriegsheimkehrer zieht es Wunderlich schnell aus München fort. Spätestens nach Ende des Weltenbrandes entwickelt sich außerdem seine Leidenschaft zum Schreiben. In der Bierstadt Einbeck erlernt er beim bürgerlichen „Tageblatt“ als Volontär das journalistische Handwerk. Kritisch beäugt er das politische Geschehen. 1920 bricht er mit seiner bürgerlichen Herkunft und wird aktiver Sozialdemokrat. Nachdem sich Wunderlich nach der erfolgreichen Ausbildung zum Journalisten offen mit dem Kurs des bürgerlichen Blatts überworfen hat, wechselt er direkt zur sozialdemokratischen Konkurrenz. 1921 wird er Redakteur der „Einbecker Volksstimme“, die jedoch bereits 1923 aufgrund finanzieller Probleme eingestellt wird.

Grund genug für den Journalisten, sich nach freien Redakteursposten innerhalb der reichen Landschaft der damals beinahe flächendeckend vertretenen SPD-Tageszeitungen umzusehen. Seine Wahl fällt anno 1923 schließlich auf die „Freie Presse“ in Osnabrück, was ihn dann für die nächsten Jahre in die Hasestadt zieht. Hier lernt er auch seine Frau Frida kennen, die von den Nazi-Machthabern später als „Halbjüdin“ eingestuft wird. Auch dies ist ein Grund, weshalb Wunderlichs Widerstand gegen die Nationalsozialisten zur täglichen Selbstverpflichtung wird. Bis 1928 ist er hauptberuflich Redakteur der Parteizeitung. Auch danach, inzwischen ist „Ilex“ Josef Burgdorf Hauptschriftleiter, schreibt Wunderlich im Blatt freiberuflich weiter. Aktiver Schutz der Republik vor der braunen Gefahr liegt dem Journalisten am Herzen. Deshalb avanciert er 1930 zum Kreisleiter des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“. Diese republikanische Schutzformation, die 1931 mit Arbeitersportbewegung und gewerkschaftlichen Hammerschaften zur „Eisernen Front“ zusammengeschlossen wird, betätigt sich aktiv gegen rechte Angriffe auf demokratische Versammlungen. Die Abwehrformation schützt mit ihren Angehörigen, notfalls in Form von Gegengewalt, Kundgebungen und Demonstrationen. In ungezählten Reden und Artikeln tritt Wunderlich daneben weiter als mutiger Streiter gegen die Nazi-Gefahr in Erscheinung und ist in deren Reihen sowohl wegen seiner journalistischen Aktivitäten wie als führender Kämpfer der Eisernen Front verhasst.

Propagandawagen des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ vor der Reichstagswahl 1930

Widerstand aus Lienen-Holperdorp

Beinahe ohnmächtig muss Wunderlich mit seinen Genossinnen und Genossen dabei zusehen, wie die Nationalsozialisten die Demokratie schrittweise zerschlagen. Nach der Machtübergabe an die Hitler-Partei am 30. Januar 1933 und der folgenden Zerschlagung demokratischer Presse begibt sich der Redakteur in die Illegalität. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ besinnt er sich auf gute Kontakte zu Sozialdemokraten im Tecklenburger Raum, für die er dort oft als Redner aufgetreten ist. Er zieht nach Lienen-Holperdorp um und arbeitet zunächst als Hilfskraft in einem Gartenbaubetrieb. Ab 1934 ist er Betreiber eines kleinen Obstanbauunternehmens im Teutoburger Wald.

Mutmaßlich ist es Wunderlichs früher Umzug nach Lienen, der dafür verantwortlich sein dürfte, dass der führende Sozialdemokrat in den Folgejahren vergleichsweise wenig von der Gestapo beäugt wird. Auf deren Karteikarte ist für die Laufzeit 1932-36 lediglich das Folgende vermerkt (Der Lesbarkeit halber wurden unter anderem Wiederholungen vermieden und Abkürzungen teils ausgeschrieben):

Geburtstag und Geburtsort: 18.07.1899 München, Wohnung: Osnabrück, Wörthstr 72, Osnabrück. Beruf: Schriftsteller. Familienstand: Verheiratet mit Frida, geb. Brandes. Staatsangehörigkeit: Bayer (deutsch). Politische Einstellung: Reichsbanner (sozialdemokratisch). Glaubensbekenntnis: römisch-katholisch. Abteilung der Gestapo: Politische Polizei. Laufzeit 1932-1936. Enthält Sachverhalt: (Datum der Eintragung: 30.08.1932): 1.Schriftführer des Reichsbanner, Ortsverein Osnabrück, Geschäftszeichen: I 42 16c/7, Sachverhalt (Datum der Eintragung: 17.06.1936): Ehemaliger 1. Vorsitzender des Reichbanners und Schriftführer der SPD.

Niedersächsisches Landesarchiv OS Rep 439 Nr. 47998

An seinem neuen Wohnort bleiben Wunderlich und seine Frau keineswegs tatenlos. Eine bemerkenswerte Geschichte wird erst viele Jahre später überliefert. Ausgangspunkt ist der reichsweite Boykott gegen Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber am 1. April 1933. In deren Folge werden angesichts der aufgehetzten Stimmung etliche Kinder der jüdischen Gemeinde aus der Stadt auf dem Land in Sicherheit gebracht. Eines dieser Kinder, Trude Heymann, eine Cousine vom im KZ umgekommenen Freund Anne Kranks, Peter van Pels, erinnert sich später, dass ein gewisser „Hans Brandes“, ein politischer Gegner des Regimes, zwölf bis vierzehn Kinder mit auf seinen Bauernhof in Holperdorp bei Iburg aufnimmt, wo sie vierzehn Tage bleiben: „Dann hat wohl jemand aus Osnabrück angerufen, wir könnten wieder zurückkommen, und er hat uns wieder nach Osnabrück gebracht.“

Sie berichtet außerdem, dass Brandes und seine Frau Frieda, die in der Hirsch-Apotheke arbeitet, beide „pro-jüdisch“ eingestellt gewesen seien. Tatsächlich handelt es sich bei „Hans Brandes“ ganz offenkundig um Hans Wunderlich. Er und seine Frau Frieda sind es, welche die Kinder bei sich aufnehmen. Auch Maja Niles, geborene Nieporent, Jahrgang 1928, Kind einer aus Osteuropa stammenden jüdischen Osnabrücker Familie, berichtet später, dass ihre Familie manchmal Urlaub auf dem Lande machte bei Leuten, die einen Bauernhof hatten. Sie meinte sich zu erinnern, dass sie Kommunisten waren und nicht der Nazi-Doktrin anhingen. Auch hierbei könnte es sich um den Hof der Wunderlichs gehandelt haben.

Blick auf die Eekenpacht

In Lienen-Holperdorp beteiligt sich Wunderlich außerdem aktiv an der Nutzung jener sogenannten „Eekenpacht“, einem für ihn benachbarten Kotten, in dem sich oppositionelle Sozialistinnen und Sozialisten über viele Jahre hin illegal während der NS-Zeit treffen. Sie unterhalten dort eine Bibliothek mit verbotener sozialistischer Literatur und tauschen sich, auch im Beisein Wunderlichs, regelmäßig zu tagesaktuellen Fragen wie jene über die „Zeit danach“ aus. Das unscheinbare Gebäude, ganz in der Nähe vom Wohnhaus des Ehepaars Wunderlich gelegen, bildet darum eine winzige Oase im tiefbraunen Umfeld, der wir 2021 bereits ➤ einen ausführlichen Artikel gewidmet haben. Die Untersuchungen zu diesem Thema dauern weiter an. Vor kurzem erfuhr der Autor von einer  Zeitzeugin, dass die Eekenpacht in einem deutlich größeren Umkreis bekannt war als bisher vermutet wurde. Offenbar war die Eekenpacht bis ins Rheinland bekannt und wurde von oppositionell Gesinnten als zumindest gelegentlicher Treffpunkt genutzt.

Hätte die Gestapo eine „Aushebung“ des Widerstandsortes veranlasst, hätte dies mit Sicherheit auch den „Nachbarn“ Wunderlich betroffen. Jener bleibt dennoch sehr wohl im Visier der Gestapo. Geschickt gelingt es ihm aber jahrelang, seine konspirativen Kontakte zu Gleichgesinnten zu verbergen. Dennoch geschieht es: 1940 wird er für neun Monate an die Front einberufen, dann aber bis kurz vor Kriegsende in der heimischen Gemeindeverwaltung als Hilfskraft dienstverpflichtet. Als die NS-Machthaber nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944 damit beginnen, Zigtausende von Angehörigen der Arbeiterparteien im Zuge der sogenannten „Aktion Gewitter“ oder „Aktion Gitter“ zu verhaften, zählt Wunderlich postwendend zu den Verhafteten. Doch er hat insofern „Glück im Unglück“ als er bereits nach wenigen Wochen wieder freikommt. Auch seine „halbjüdische“ Frau Frida entgeht einer Deportation.

Lesen Sie im zweiten Teil, der am 7. September 2026 hier auf www.kulturabdruck.de erscheint, wie Hans Wunderlich das Ende des Nazi-Terrors als Chance eines grundlegenden Neuanfangs verstand. Als Journalist und Mitglied des „Parlamentarischen Rates“ leistete er einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Erneuerung Deutschlands.