Von der Geburt in München bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs folgte ➤ der erste Teil dieses Artikels den Spuren des politisch engagierten Journalisten Hans Wunderlich. Nach dem Tag der Befreiung seiner Wahl-Heimatstadt Osnabrück am 4. April 1945 wird er zum Aktivposten des Neuaufbaus. Nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur sind auch demokratische Zeitungsmacher gefragt. Wer sonst soll dabei helfen, den Menschen endlich wieder Grundlagen demokratischen Denkens beizubringen? Anlass genug für Hans Wunderlich, sich aktiv in das journalistische, gesellschaftliche und politische Geschehen einzubringen. Am 1. März 1946 erscheint die erste Nummer einer lang ersehnten lokalen Zeitung. Sie trägt den Namen „Osnabrücker Rundschau“ (OR). Unter den Machern befindet sich Hans Wunderlich – der keinen Hehl aus seinen linken Überzeugungen macht.
Zur Wirkungszeit Wunderlichs wird die OR zum Anlass eines parteipolitischen Gezänks. Aus konservativen Reihen hagelt es viel Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung der OR. Die Kritik setzt sich auch in der Folgezeit immer heftiger fort. Überdies wächst deutlich der Unwille gegenüber britisch verantworteten Blättern. Die Besatzungsbehörden kommen den Bedenken entgegen, indem sie umgehend Zeitungslizenzen an Deutsche vergeben. Dabei ist den britischen Besatzern im niedersächsischen Umland sehr daran gelegen, dass es neben SPD-nahen Blättern zunehmend auch solche mit konservativer Ausrichtung gibt. Die Tage der ersten „Osnabrücker Rundschau“ sind somit am 13. September 1946 gezählt. Sie hat keine sechseinhalb Monate existiert.

Nachfolgeblatt wird das CDU-nahe „Neue Tageblatt“. Wunderlich besitzt bei diesem Blatt aufgrund seiner sozialdemokratischen Gesinnung keinen Platz mehr. Im April 1947 wechselt er zur SPD-nahen, in Wilhelmshaven produzierten Nordwestdeutschen Rundschau, die dann auch einen Osnabrücker Lokalteil samt Lokalredaktion aufweist. Ab 1950 wird sich das Neue Tageblatt in „Neue Tagespost“ umbenennen, den konservativen Kurs aber strikt beibehalten. Als Lizenzträger der Nordwestdeutschen Rundschau leitet Wunderlich deren Lokalteil. Daneben ist er zwischen 1948 bis 1950 ein führendes Mitglied des wieder demokratisch gewählten Osnabrücker Stadtrats. Seit 1947 ist er Vorsitzender der Osnabrücker SPD und stellvertretender Vorsitzender im Parteibezirk Weser-Ems.
Delegiert in den Parlamentarischen Rat
In der SPD des neu gegründeten Bundeslandes Niedersachsen genießt der Osnabrücker hohes Ansehen. Der Landtag sendet ihn darum schon 1948 als einen von insgesamt neun Mitgliedern in den Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschlands in Bonn ausarbeiten soll. Es ist über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert und teilweise auch verändert worden, doch sein Kern hat bis heute Bestand: Unverrückbare Artikel betreffen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, freie Wahlen, Oppositions-, Meinungs-, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit.

Akribisch und leidenschaftlich hat sich der Osnabrücker dort als Mitglied des Ausschusses für Grundsatzfragen eingebracht. Vor allem streitet er vehement und am Ende erfolgreich für das völlig neue Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Vergeblich bleibt allerdings sein aktiver Einsatz gegen die Wiedereinführung des traditionellen, vom Obrigkeitsstaat übernommenen Berufsbeamtentums. Womöglich ahnt Wunderlich dies schon zu jenem Zeitpunkt: Die Wiedereinsetzung zigtausender ehemaliger Nationalsozialisten in der deutschen Beamtenschaft durch die Regierung des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer wird zu einer unerträglichen Bürde der jungen deutschen Demokratie werden.
Seit der Eröffnungsfeier des Parlamentarischen Rates, die am 1. September 1948 im Bonner Museum Koenig stattfindet, zählt der Osnabrücker zu insgesamt 27 westdeutschen SPD-Abgeordneten. Sie alle sind, wie ihre Kollegen anderer Parteien, in jeweiligen Landesparlamenten gewählt worden. Ebenso viele Mandate wie die SPD besetzt die frisch gegründete CDU/CSU. Die ebenfalls neu formierte FDP zählt fünf Parlamentarier. Das katholische Zentrum, die rechtskonservative Deutsche Partei und die Kommunistische Partei weisen jeweils zwei Abgeordnete auf. Die zuletzt Genannten zählen, wie die Mehrzahl der CSU-Mitglieder, zu jenem Dutzend der Mandatsträger, die am Ende gegen das Grundgesetz stimmen.

Im Zuge der Wahlen in den drei vormaligen Westzonen kandidiert Wunderlich im Jahre 1949 vergeblich für den ersten Deutschen Bundestag. Wie andere Mitglieder seiner Partei ist er schwer enttäuscht, dass bürgerliche und restaurative Kräfte in der neuen Hauptstadt Bonn eine Mehrheit bekommen und auch der Osnabrücker Wahlkreis an die CDU geht. 1950 verlässt Wunderlich für viele Jahre Osnabrück. Er kehrt zum aktiven Journalismus zurück und wird Redaktionsmitglied der sozialdemokratischen „Westfälischen Rundschau“ in Dortmund. Von 1961 bis 1964 ist er sogar deren Chefredakteur. Als aktiver Ruheständler, der weiter engagiert das Geschehen in seiner Partei und im Lande verfolgt, verbringt er seinen Lebensabend wieder in Osnabrück.


