Im Flug tanzen

Ludger Vollmer ist es nicht gewohnt, auf Texte zu verzichten. Schließlich gehört er zu den profiliertesten deutschen Opernkomponisten der Gegenwart. Wenn es die Gattung erfordert, beschränkt sich aber auch Vollmer auf rein musikalische Mittel und Methoden. Eine Idee und eine Art Programm gibt es natürlich trotzdem.

Um seine Gedanken im entgrenzten Raum absoluter Musik einigermaßen zielgenau zu vermitteln, nutzte der Wahlhamburger die Chance, dem Album mit seinem 2020 komponierten Konzert für Violine, tiefe Streicher, Bläser und Schlagzeug und den bereits 16 Jahre frühen entstandenen „Transformations“ für Sologeige ein Geleitwort mitzugeben. Demnach bilden modale Skalen beziehungsweise Tonleitern, kombinierte Rhythmen „mit hoher tänzerischer Energie“ und melodische Formeln, die im Verfahren der „Centonisation“ gemischt werden, das architektonische Grundgerüst des Konzertes.

Für den Zuhörer wird ein kleines Gebilde aus sechs Tönen, das Vollmer mit „einer fliegenden Möwe über dem Wasser in Hamburg“ assoziierte, zum Führer durch das halbstündige Werk, das zunächst mit antiken und mittelalterlichen Formen spielt, ehe das Soloinstrument im „Scherzo rhitmica“ die Schlagzeugbatterie herausfordert. Der letzte Satz trägt die Bezeichnung „Concerto grosso“ und bringt mit drei Blockflöten, Cembalo und Violoncello einen barocken Widerpart ins Spiel, der mit der Violine und dem großen Orchester in einen turbulenten Wettstreit tritt. Die Möwe lässt sich, um im Bild des Komponisten zu bleiben, nicht einfach vom Wind übers Wasser schaukeln. Sie verwandelt die energiegeladenen Impulse, die auf sie einströmen, in eine permanente Bewegung, die sich zu rauschhaften Tanzsequenzen verdichtet.

Vollmer schrieb das Violinkonzert für Gernot Süßmuth, der es technisch makellos, hochvirtuos, bisweilen ekstatisch, aber immer formbewusst zum Klingen bringt. Die von Dominik Beykirch geleitete Staatskapelle Weimar nimmt als gleichberechtigter Partner an diesem spannungsgeladenen musikalischen Dialog teil – ebenso wie das Thüringer Bach Collegium, das durch sein Auftreten im „Concerto grosso“ eine kleine, aber sehr prononcierte Rolle spielt.

Die funkelnden, weitverzweigten „Transformations“ stellen in der Konzentration auf ein einziges Instrument ein reizvolles Gegenstück zum opulenten Konzertgeschehen dar. Von dieser oder ähnlicher Sorte hätte man sich noch zwei oder drei weitere gewünscht – schon um auf den einzigen Kritikpunkt an dieser CD-Produktion verzichten zu können. Die Gesamtspielzeit ist mit weniger als 40 Minuten nun wirklich allzu karg bemessen.

Ludger Vollmer: Violinkonzert / Transformations, audite