Propaganda mit Schwert und Schlangendrachen

Im vierten und letzten Teil unserer Drachen-Reihe aus dem Archiv Historische Bildpostkarten stehen das vermeintliche Untier und sein angeblich heldenhafter Widersacher im Dienst der deutschen Kriegspropaganda. 1917 wird einmal mehr für eine Kriegsanleihe geworben.

Auf deutschen Bildpostkarten des Ersten Weltkrieges erscheint der Drache als Gefahr für die Nation und Verkörperung von Gegnern des Kaiserreiches. Beliebt ist der Rückgriff auf die nicht zuletzt durch Richard Wagners Opern verbreitete Nibelungen-Erzählung, nach der „das deutsche, blanke, scharfe Schwert“ des Helden Siegfried die große Aufgabe übernimmt, die Menschen vor ihm zu schützen.

Um seine Gefährlichkeit zu dokumentieren, hat man auf der vorliegenden Abbildung Charakter und Gestalt des Untiers verändert. Es präsentiert sich nicht mehr mit seinem alten Echsengesicht und den spitzen Zähnen im aufgerissenen Maul. Vielleicht meinten die Hersteller, diese erinnerten eher an den netten Drachen auf Humordarstellungen oder an das Krokodil im Kasperletheater. Im Krieg mutiert er daher zum hinterhältigen Schlangenwesen, das „Lug und Trug“ verbreitet und sich den Hieben seines Gegners geschmeidig zu entziehen vermag. Dieser schlägt – ohne Rüstung und nur geschützt durch einen Helm – mit dem ‚scharfen deutschen Schwert‘ beidhändig auf ihn ein, ohne ihn wirklich verletzen zu können. Er bemerkt kaum, wie der riesige Schweif des Tierwesens sich bereits um seine Füße windet und ihn jeden Augenblick zu Fall bringen könnte. Hoch reckt sich der menschliche Kopf des Drachens über den Helden und ist für das erhobene Schwert kaum noch zu erreichen.

Gefahr droht dem Mann auch von anderer Seite. Aus dem Schlangenleib wachsen vier weitere grimmige Köpfe mit menschlichen Gesichtern hervor, kleinere zwar, aber tückische, die sich ihm auf biegsamen dünnen Hälsen angriffslustig entgegenstrecken. Das ist zu viel – selbst für einen deutschen Helden. Offenkundig braucht er Hilfe. Bildtitel und Text teilen dem Betrachter mit, woher sie kommen wird. Eine Kriegsanleihe soll dem Vertreter der bedrängten deutschen Nation geeignete Mittel bereitstellen, um den Drachen zu erlegen, der die Summe aller Kriegsgegner des Deutschen Reiches in sich vereinigt.

Real lässt sich das Geschehen dahingehend deuten, dass deutsche Soldaten Unterstützung an allen Fronten dringend benötigen – und das nicht zum ersten Mal. In den Jahren zwischen 1914 und 1918 gab es insgesamt neun Kriegsanleihen, die etwa 60 Prozent der deutschen Kriegskosten gedeckt haben. In diesem Fall handelt es sich um die 7. Anleihe, die im September 1917 ausgegeben wurde, vermutlich um der oben genannten „3. Armee“ unter die Arme zu greifen, die besonders im Stellungskrieg an der Aisne und in der Champagne gerade aufs schwerste zu leiden hatte. So appelliert die Karte an die Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung, die sich dessen bewusst werden soll, an wie vielen Fronten deutsche Soldaten derzeit kämpfen.

Zu den gefährlichsten Widersachern gehören die USA, die sich am 6. April 1917 der Entente und ihren Mitstreitern angeschlossen haben. So zeigt das ‚Oberhaupt‘ des dargestellten Drachens denn auch die Züge des seit 1913 amtierenden amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, während man an den kleineren Häuptern weitere Kriegsgegner erkennt. Der mit den struppigen Haaren und der Pelzmütze lässt den Kopf hängen und ist der bereits erledigte, personifizierte Russe. Am Drachenhals links vorne könnte ein Brite mit flachem roten ‚Deckel‘ sein. Neben ihm mit dem roten „Kepi“ droht der französische Gegner.

Deutschland gegen eine Welt von Feinden – das ist ein wirkungsvolles Propagandamotiv, das nicht erst aus Not geboren im Krisenjahr 1917 auf Kriegspostkarten auftaucht. Bereits ➤ auf einer Karte aus dem Jahr 1914 streitet ein Ritter in schwarzer Rüstung (vermutlich der Erzengel Michael) – unter Berufung auf Martin Luther – gegen eine „Welt voll Teufel“, die sich ihm ebenfalls als schlangenähnliches Wesen mit vielen Köpfen entgegenstellt.