Recycling für die neue Zeit und ein exzentrischer Hexenreigen

Seit Jahren erinnert das Label cpo mit hochklassigen Einspielungen an einen der bedeutendsten kroatischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der von den Verwerfungen seiner Zeit immer wieder mitgerissen wurde. Auf dem aktuellen Album erleben wir Boris Papandopulo (1906-91) zunächst als vermeintlich treuen Anhänger des sozialistischen Realismus und dann als geheimen Bewunderer vermutlich westlicher Dekadenz.

Papandopulo gelang es 1945 relativ schnell, sich von dem Vorwurf zu befreien, Anhänger und Unterstützer des faschistischen Ustascha-Regimes gewesen zu sein. Die 2. Symphonie, die exakt ein Jahr nach Kriegsende uraufgeführt wurde, spielte dabei eine Schlüsselrolle, bekannte sich der Komponist in einem Begleittext doch ausdrücklich zum Glauben an „Fortschritt und Zukunft“, zu „Optimismus und Lebensfreude“ und ganz allgemein zu den bevorstehenden Segnungen einer „neuen Zeit“.

Wie Davor Merkas im Booklet der aktuellen Aufnahme erläutert, ist die fast 50-minütige Symphonie aber durchaus nicht als Aufbruch zu neuen Ufern zu werten. In gleich drei der insgesamt fünf Sätze verarbeitete Boris Papandopulo Material aus bereits vorhandenen Werken. Freilich so geschickt, dass dem unvorbereiteten Hörer die gediegene Collage gar nicht auffallen dürfte. Bemerkbar ist allerdings der feine Riss, der sich zwischen dem aalglatten verbalen Bekenntnis und der aufgerauten symphonischen Oberfläche immer wieder auftut – selbst im finalen, „Schritte in die Freiheit“ betitelten Satz, in dem der triumphale Marschrhythmus bisweilen umzukippen scheint.

Während die Symphonie in einem tonalen Rahmen bleibt, gebärdet sich der 1970 uraufgeführte „Vrzino Kolo“ („Hexenreigen“) deutlich experimenteller. Im Westen Europas hätte das sich überstürzende, streckenweise harsch-dissonante, dann wieder glitzernde und gleißende Stück für Klavier und Orchester, das in beinahe meditativen Schleifen ausklingt, zu diesem Zeitpunkt womöglich keine große Beachtung mehr gefunden. Im damaligen Jugoslawien dokumentierte die Vertonung der Geschichte um wandernde Studenten, seltsame übersinnliche Wesen und einen aus Feuer geschaffenen Drachen die Abkehr von einer kunstfeindlichen Staatsdoktrin, die Offenheit für internationale Einflüsse und vor allem das Bekenntnis zu einer ganz persönlichen, nicht verordneten oder vorsortierten Musiksprache.

Im Vergleich zur gut gemachten, aber auch nicht viel mehr als soliden Symphonik der Zweiten ist der „Hexenreigen“ aus heutiger Sicht zweifellos das aufregendere Stück. Die Pianistin Martina Filjak bringt ihn mit dem Rijeka Symphony Orchestra unter dem jungen Dirigenten Valentin Egel in energiegeladener, absolut mitreißender Weise zu Gehör. Auch für die 2. Symphonie erweisen sich Egel und sein Orchester als beredte Anwälte. Den kurzen, klangvollen Gesangspart im vierten Satz übernimmt die Mezzosopranistin Emilia Rukavina.

Boris Papandopulo: Symphonie Nr.2 / Vrzino Kolo, cpo