Säulenheiliger und Reklamekönig

In Sachen Marketing konnte Ernst Litfaß niemand etwas vormachen. Zur feierlichen Einweihung der ersten Litfaßsäule am 1. Juli 1855 in Berlin hatte er alle Register gezogen, um auch etwaige Kritiker seines neuesten Werbemediums zum Verstummen zu bringen. Selbst eine eigens komponierte „Annoncir Polka“ wurde aufgeführt, deren Noten käuflich erworben werden konnten.

Ernst Theodor Amandus Litfaß wird am 11. Februar 1816 als Sohn eines Druckereibesitzers in Berlin geboren. Sein Vater stirbt jedoch acht Tage nach seiner Geburt, sodass die Rolle des Erziehers dem nachfolgenden zweiten Ehemann der Witwe, Leopold Wilhelm Krause, zufällt. Zur Produktpalette der Familiendruckerei gehören Bilderbögen, Reisebücher sowie Theaterwerbezettel. Ernst Litfaß zeigt zunächst kein Interesse am Familienunternehmen. Ihn zieht es vielmehr zur Schauspielerei und auf Reisen. Unter dem Künstlernamen „Herr Flodoardo aus Berlin“ tourt er durch Norddeutschland, bis ihn der Militärdienst zurück nach Berlin zwingt. Von der Bühne aber kann er auch dort nicht lassen und gründet ein eigenes Theater. 1845 steigt er zunächst in das stiefväterliche Unternehmen ein, um es ein Jahr später, nach dem Tod Krauses, komplett zu übernehmen.

Vom Theaterzettel zum Monsterplakat

Wichtiges wirtschaftliches Standbein der Druckerei ist das Theaterzettelmonopol. Durch seine hervorragenden Beziehungen zu den Berliner Bühnen eine äußerst lukrative Einnahmequelle. Nach der Umstellung der Druckerei auf eine neue dampfbetriebene Schnellpresse überrascht Litfaß die Berliner mit immer neuen Publikationen. So erscheint 1851 die erste Ausgabe des „Tages-Telegraph“, des ersten Stadtmagazins in Deutschland, mit dem auf Veranstaltungen, Restaurants und Theateraufführungen hingewiesen wird. Aus den Theaterzetteln entwickelt Litfaß die „Theater-Zwischenakts-Zeitung“, mit deren Lektüre sich die Zuschauer während der oftmals langen Umbauphasen im Theater die Langeweile vertreiben können.

Widerborstiger Zeitgeist weht durch den in den Wirren der Revolution von 1848 von Litfaß publizierten „Berliner Krakehler“. „Bissig, schnell und mit einigem Witz spießte er den Zeitgeist auf, collagierte die politisch-mentale Atmosphäre, indem er scheinbar Marginales, Randständiges als symptomatisch präsentierte“, lautet das Fazit von Steffen Damm und Klaus Siebenhaar in ihrer „Kulturgeschichte der Litfaßsäule“. Das Magazin muss jedoch bereits nach einem halben Jahr auf staatlichen Druck wieder eingestellt werden.

Litfaß lässt sich dadurch nicht stoppen, sein Ideenreichtum, seine Fähigkeit Netzwerke zu knüpfen, scheinen unerschöpflich. Zur Berliner Industrieausstellung präsentiert er 1849 erstmals ein buntes sogenanntes „Monsterplakat“ im Format 6 x 10 Meter. Er verknüpft erfolgreich die unterschiedlichsten Druck- und Werbeträger zu einem unternehmerisch äußerst lukrativen Gesamtkonzept. Daneben betreibt er eine Künstleragentur und profiliert sich zunehmend als königs- bzw. kaisertreuer und staatstragender Eventmanager. Nicht nur der kostenlose Druck von Kriegsdepeschen 1866 und 1870/71, auch seine Organisation pompöser Militärkonzerte und Großereignisse wie dem „Patriotischen Flottenfest“ 1866 in Treptow sind Ausdruck seiner engen Verbundenheit mit der Obrigkeit.

A. Müller-Schönhausen: Die Friedensdepesche (1871/72)

Zeitlebens kann sich Litfaß auf seine besonders ausgeprägte Beobachtungsgabe verlassen. So begeistert ihn bereits während seines Aufenthaltes in Paris 1845 die schiere Menge und Vielfalt an Werbung im öffentlichen Raum: „Der Pariser bringt seine Affichen, Plakate und Annoncen an, wo er nur immer kann. Nicht bloß die Straßenecke, Pfeiler und Brunnen, nein auch die Dächer und Schornsteine selbst sind mit Firmen bemalt und beschrieben“, schreibt Litfaß begeistert anlässlich seiner Reise in die französische Hauptstadt. Aber auch nachts illuminierte Fassaden und die mit unzähligen gedruckten Botschaften beklebten Außenwände der Pissoirs hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck bei ihm. Besonders aber müssen ihn die in London seit 1824 in Gebrauch befindlichen achteckigen Plakatsäulen auf Rädern sowie die seit 1842 in Paris errichteten gemauerten Plakatsäulen beeindruckt haben. In beiden Fällen verstand man diese Säulen als vielversprechendes Mittel gegen die längst völlig außer Kontrolle geratene wilde Plakatiererei.

Preußisch-geordnetes Plakatieren

Diesen Gedanken der Regulierung greift Litfaß 1854 auf, um dem Polizeipräsidenten von Berlin, Karl Ludwig von Hinckeldey, einen Deal vorzuschlagen. Litfaß präsentiert ihm seine Annoncier-Säule als wohlfeiles Steuerungs- und Disziplinierungsinstrument des bisher üblichen wilden Plakatierens von Laternenmasten, Haus- und sonstigen Wänden sowie Baumstämmen. Das der enorme Ausstoß an Hand- und Werbezetteln seiner eigenen Druckerei an diesem Chaos nicht unerheblich beteiligt ist, wird er verschwiegen haben.

Polizeipräsident und Unternehmer unterzeichnen am 5. Dezember 1854 einen Vertrag über das Aufstellen von zunächst 150 Säulen. 15 Jahre sollen diese dann von Litfaß bewirtschaftet werden, bevor sie in den Besitz des Polizeipräsidiums übergehen. Der Berliner Magistrat, der bei dieser Vereinbarung komplett übergangen wird, ist nicht begeistert. Er kann sich aber mit seiner Kritik an der dadurch geschaffenen Monopolstellung eines einzelnen Unternehmers kein Gehör verschaffen. So steht der feierlichen Einweihung der ersten Litfaßsäule in Berlin am 1. Juli 1855 nichts mehr im Weg. Gleichzeitig markiert dieses Ereignis den Beginn der gewerblichen Möblierung des Stadtraums.

Die Kasse des Betreibers Litfaß klingelt. Sein zeitgleich gegründetes „Institut der Anschlagsäulen“ kümmert sich um die Werbung und Vermarktung der neuen legalen Werbeflächen, seine Druckerei liefert die entsprechenden Druckerzeugnisse. Die 1855 aufgestellten 100 Säulen avancieren rasch zu „Litfaßsäulen“ und werden 1865 um weitere 50 Exemplare ergänzt. Ein eigens beschäftigter Anschlag-Inspektor kontrolliert, dass keine unerwünschten Mitteilungen ihren Weg in die Öffentlichkeit finden.

Drei Jahre nach seinem 25-jährigen Firmenjubiläum verstirbt Ernst Litfaß am 27. Dezember 1874 in Wiesbaden und wird kurze Zeit später auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt. Sein Tod läutet das Ende des Unternehmens ein. Es finden sich keine Nachfolger, so dass das Berliner Anschlaggeschäft 1880 neu ausgeschrieben werden muss. Seitdem werden die Litfaßsäulen von wechselnden Firmen bewirtschaftet.

Litfaßsäulen gestern und heute

Im Jahr 1880 kommen zu den bisherigen 200 Litfaßsäulen weitere 350 hinzu. Der Berliner Bestand wächst rasant auf 3.200 Säulen im Jahr 1929, verteilt auf 1.550 in der Innenstadt und 1.650 in den Vororten. Der Zweite Weltkrieg reduziert den Bestand an Litfaßsäulen eklatant, von 3.210 vor dem Krieg auf nur noch einige hundert Säulen 1945. Diese erfüllen jedoch in der Nachkriegszeit eine äußerst wichtige Informationsfunktion. 2005 sind in Berlin 4.000 Litfaßsäulen verzeichnet, im gesamten Bundesgebiet beläuft sich der Bestand auf 17.000 Säulen. 2019 stehen in Berlin immer noch mehr als 2.500 Litfaßsäulen.

Noch sind sie in vielen Städten zu finden, zum Teil im modernen digitalen Design. Gewandelt hat sich auch ihre Konsistenz, ursprünglich aus Eisenblech, später aus Kunststein, zuletzt aus Beton. Ihre zentrale Bedeutung als Informationsmedium haben sie jedoch eingebüßt. Allein in Berlin stehen inzwischen sogar 24 der Säulen (errichtet zwischen 1900 und 1978) unter Denkmalschutz. Genutzt werden sie hier wie auch in anderen Städten zum Teil für nicht kommerzielle, künstlerische Projekte. Geblieben aber ist der Name, der an ihren umtriebigen Erfinder Ernst Litfaß erinnert, eine schillernde Persönlichkeit des 19.Jahrhunderts.

Im Archiv des Stadtmuseums Berlin befindet sich ein vermutlich noch zu Lebzeiten von Litfaß selbst zusammengestelltes 600 Seiten umfassendes Konvolut, das vor allem über sein geschäftliches und gesellschaftliches Wirken informiert. Sein privates Leben klammert er beinahe aus. Litfaß lässt es in Leder binden und auf dem Einband seinen Namen in Goldbuchstaben drucken. Das Konvolut enthält u.a. einen eigenhändig geschriebenen Lebenslauf, Briefe, Einladungen, Gedichte, Dankschreiben und Zeitungsausschnitte.

Buch- und Linktipps Steffen Damm/Klaus Siebenhaar, Ernst Litfaß und sein Erbe. Eine Kulturgeschichte der Litfaßsäule. Bostelmann & Siebenhaar Verlag, Berlin 2005 / Künstlerische Nutzung denkmalgeschützter Litfaßsäulen in Berlin ➤ Link / Der Nachlass von Ernst Litfaß in der Dokumentensammlung des Stadtmuseums Berlin ist aus konservatorischen Gründen nicht öffentlich zugänglich ➤ Link zum Museum