Sie hat das gemacht

Was einen schlechten Menschen ausmacht, erfährt die Protagonistin gleich zu Beginn des Roman-Debüts von Clara Leinemann. Aus dem Internet. Wodurch sich ein guter auszeichnet und wie man zu einem wird, bleibt bis zum Ende offen. Eines aber ist klar: Mit Gewalt funktioniert es nicht.

Valentin sieht gut aus, studiert Literatur, jobbt in einer Buchhandlung und möchte Autor werden. „Aus irgendeinem Grund“ findet Charlie, die ansonsten klug und vorausschauend kalkulierende Mathematikerin „das nicht abstoßend“. Bald stellt sich heraus, dass der überraschend mundfaule, oft antriebslose und alles in allem ziemlich langweilige Valentin die perfekte Projektionsfläche für Charlies Idee der ganz großen Liebe ist. Sie läuft mit ihm herum „wie mit einer brandneuen Handtasche“, im Freundeskreis wird er sogar zu einem veritablen „Gütesiegel“. Doch der Geliebte kann – zumindest in Charlies Vorstellung – noch viel mehr. Mit seiner Hilfe gelingt es der jungen Frau, ein Identitätsproblem zu lösen, das weit zurückreicht.

Seit der Pubertät hatte sie immer wieder den Versuch unternommen, sich zu ändern und ein besserer Mensch zu werden. Sie wollte Shakira werden, sie wollte Helene aus der 9b werden, oder die Hauptfigur aus einer Serie, die alle in der Oberstufe sich anschauten, eine unbändige, schöne Teenagerin fatale mit glorifiziertem Drogenproblem.

Mit Hilfe des idealen Valentin entsteht die perfekte Charlie, die souverän ihr Leben meistert und Teil einer rundum erfüllenden Beziehung ist.

So wollte sie aussehen, wenn Valentin sie anrief, sie war eine schöne Frau, die an einem warmen Sommerabend in Unterwäsche am Fenster saß und las, und ihr schöner Freund würde sie gleich anrufen, und sie würden ein langes liebevolles Gespräch führen, weil sie sich zwar gerade Raum gaben, gegenseitig, aber einander trotzdem vermissten.

Charlies Tagträume haben allerdings nicht nur obsessive Züge, sie sind längst auf Konfrontationskurs mit der Realität. Dass Valentin ganz andere Vorstellungen von der Art ihres Zusammenseins hat, kann sie auf Dauer ebenso wenig übersehen wie die alte Tapete in ihrer neuen Wohnung, auf der sich monsterartige gelbe Blumenmuster breitmachen. Charlie versucht, Innen- und Außenwelt wieder in Einklang zu bringen – zunächst verbal, dann mit Beleidigungen, Schubsern und Kneifern, schließlich mit einer Prügelorgie und der Zerstörung des eigenen Zuhauses.

Das alles hier hat sie gemacht. Sie hat den Tisch zertrümmert, die Badezimmertür eingetreten, das Regal umgeworfen, sie hat sich die Hand gebrochen, sie hat sich selbst das Gesicht blutig gehauen, sie hat die Stühle kaputt gemacht, die Teller durch die Gegend geworfen.

Gewalt innerhalb einer Partnerschaft trifft in Deutschland vorwiegend Frauen – rund 80% der Täter sind männlich. Der umgekehrte Fall ist allerdings kein solches Randphänomen, dass allein die Wahl des Themas die Aufmerksamkeit auf den Debütroman einer jungen Autorin lenken könnte. Was Clara Leinemanns Darstellung besonders macht, ist die präzise, betont nüchterne und gänzlich unverkrampfte Art, mit der die sich dem schwierigen Sujet nähert. Sie erzeugt beim Lesenden, den es insgeheim nach Konsequenzen verlangt, eine eigentümliche Unruhe. Denn Charlie ist lange Zeit weit davon entfernt, ihr Verhalten als problematisch oder gar als kriminell zu betrachten. Sie muss zur Teilnahme am Anti-Aggressionstraining mehr oder weniger genötigt werden und trifft hier auf Frauen, die nur sehr bedingt bereit sind, sich mit ihren Taten vorbehaltlos und selbstreflektiert auseinanderzusetzen. Die kämpferische Irma sieht in dem Kreis eigentlich „feministische Rachegöttinnen“, die nur auf den Anbruch des Matriarchats warten müssen, um „wie Königinnen behandelt“ zu werden.

Leinemann, die für „Gelbe Monster“ mit dem „lit.Cologne-Debütpreis 2026“ ausgezeichnet wurde, lässt ihre Protagonistin nach und nach verstehen, dass diese Einstellung unsinnig ist, auch wenn weibliche Gewalt durch eine strukturelle Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft begünstigt werden mag. Doch Charlie wird kein glücklicherer Mensch, indem sie andere leiden lässt. Im Gegenteil: Jede Eskalationsstufe führt unweigerlich zur nächsten und das symphonisch gesteigerte Romanfinale weckt mehrfach die Befürchtung, hier könne eine Kettensäge das letzte Wort haben. Es schürt allerdings auch die Hoffnung, dass Täterinnen (und Täter) den Ursachen ihrer Aggression nachgehen und die Bereitschaft entwickeln können, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Clara Leinemann: Gelbe Monster, Suhrkamp, 22 €