Symphonisches aus der alten Welt

Gut zwei Jahre nach der Veröffentlichung der 3. Symphonie sowie der Tondichtungen „Minnehaha“ und „Hiawatha“ setzt das Label cpo die Wiederentdeckung des Spätromantikers Hugo Kaun mit der Einspielung seiner 2. Symphonie und der Humoreske „Sir John Falstaff“ fort. Unter der Leitung von Jonathan Stockhammer entwirft das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auch diesmal farbintensive, ausgedehnte Klanglandschaften.

Shakespeare statt Longfellow: Als Hugo Kaun nach fast 15 Jahren aus den Vereinigten Staaten zurückkehrte, schlug sich die Veränderung der äußeren Lebensumstände auch in der Wahl seiner Stoffe nieder. Den Aufsehen erregenden symphonischen Dichtungen, die er dem legendären Stammesführer Hiawatha und seiner Gefährtin Minnehaha gewidmet hatte, folgte das musikalische Porträt einer europäischen Kunst- und Kultfigur. Das burleske Orchesterstück „Sir John Falstaff“ sollte offenbar keine Szenen aus verschiedenen Shakespeare-Dramen, sondern den eigenwillig schwankenden Phänotyp und den windigen Charakter des Ritters in Szene setzen.

Naheliegende Vergleiche mit Tondichtungen von Richard Strauss sind auch deshalb nur bedingt sinnvoll. Kaun entwickelte eine tief in der europäischen Tradition wurzelnde, gleichwohl sehr individuelle, ebenso düster-spätromantische wie impressionistisch-flirrende Sprache, die seine Programmmusik mindestens so absolut klingen lässt wie seine absolute Musik programmatisch wirkt. In der 2. Symphonie, die Arthur Nikisch 1910 mit dem Gewandhausorchester Leipzig uraufführte, sind die Bereiche und Übergänge vergleichsweise gut zu erkennen – zeigt doch schon der etwas schwergängige erste Satz den Beginn einer dramatischen Entwicklung innerhalb eines groß angelegten musikalischen Kosmos. Der Erzählfaden wird im hymnischen Adagio weitergesponnen, zieht sich durch das quirlige Scherzo und erreicht schlussendlich den Finalsatz, der ein Marschthema imposant und höchst effektvoll aus dem schillernden Orchestergrund schält.

Hugo Kaun nahm für sich in Anspruch, in „Sir John Falstaff“ die „Quadrupelfuge“ erfunden zu haben und war zeitlebens stolz auf seine reichhaltige Instrumentierung und die zahllosen kontrapunktischen und harmonischen Raffinessen. Mitunter überlagert die immer wieder unter Beweis gestellte Kunstfertigkeit allerdings „die erste und wichtigste Frage“, die für den bereits erwähnten, heute ungleich berühmteren Kollegen Richard Strauss auch in der Programmusik „die nach der Werthaftigkeit und Stärke des musikalischen Einfalls“ war. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass Kauns Partituren eine echte Entdeckung und eine veritable Bereicherung des symphonischen Standardprogramms sind. Das gilt vor allem, wenn sie so klar strukturiert, facettenreich und mitreißend gespielt, besser noch: inszeniert werden wie vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das in Jonathan Stockhammer einen ebenso feinsinnigen wie weitblickenden Regisseur findet.

Hugo Kaun: Sir John Falstaff, Symphonie Nr. 2 c-moll op.85, cpo