Dass wir uns mehr mit den Lebensmittelpunkten als mit unserer letzten Ruhestätte beschäftigen, mag aus neolithischer Sicht seltsam erscheinen. Spricht nicht schon die Dauer unseres Aufenthalts gegen eine solche Bevorzugung?
Als Wilhelm Müller Mitte der 1820er Jahre seinen Gedichtzyklus „Muscheln von der Inseln Rügen“ schrieb, gab es hier vermutlich noch einige hundert, zum Teil gut erhaltene Megalithgräber. Mehr als genug Inspirationsquellen, um die romantische Begeisterung für das Dunkle, Unheimliche und Übersinnliche anzufachen. Und so kehrt in Müllers neunstrophigem „Hünengrab“ einer der vor langer Zeit Bestatteten regelmäßig zurück, um die Schauplätze seines früheren Lebens zu betrachten und den Nachgeborenen ins Gewissen zu reden.
Sträflich kurzsichtig sei deren Fixierung auf Leben und Gegenwart, weil das Grab schließlich ihr „rechtes“, ihr eigentliches Haus sei. „Dort musst du lange wohnen“, warnt der Auferstandene. Doch während sich das menschliche Denken über ein mögliches Leben nach dem Tod dramatisch verändert hat, ist etwas anderes völlig gleich geblieben. An der Beschaffenheit von Luft und Meer hat sich in 5.000 Jahren offenbar nichts verändert: „Die Luft so frisch wie immer, / Das Meer noch dunkelblau“. Die industrielle Revolution nimmt gerade erst Fahrt auf …
Wilhelm Müller: Das Hünengrab
Schon wieder hundert Jahre!
Ich darf aus meiner Gruft
Heraus die Blicke senden
Und schöpfen frische Luft.Die Luft so frisch wie immer,
Das Meer noch dunkelblau,
Die alten weißen Dünen,
Die junge grüne Au‘!Du, Mensch, nur immer kleiner,
Und größer stets dein Haus,
Die Gräber immer enger –
Wo denkst du, Mensch, hinaus?Die erste Ruhestätte
Für eine Spanne Zeit,
Die bauest auf der Höhe
So prächtig und so weit.Und läßt dein Grab dir graben
So eng‘, so kurz, so schmal,
Dort zwischen dumpfen Mauern,
Im tief versteckten Thal.Dort mußt du lange wohnen,
Dort ist dein rechtes Haus,
Und darfst aus dem nicht gehen
Auf Berg und Strand hinaus.Schau‘ ich aus meinem Grabe,
Ich schaue weit umher
Den hohen blauen Himmel,
Die Küsten und das Meer.Das Meer, das ich durchschwommen
Mit meinem starken Arm,
Den Strand, wo ich gestanden
In meiner Feinde SchwarmDu guckst aus deiner Grube
In Wust und Graus hinein,
In schwarze Föhrenschatten,
Auf deinen Leichenstein.
Der Autor
Der volksliedhafte Ton seiner Zeilen machte ihn populär, aber auch zu einem stark unterschätzten Dichter der Deutschen Romantik. Willhelm Müller, 1794 in Dessau geboren und 1827 ebendort gestorben, geriet mit seinen gesellschaftskritischen Texten mehrfach ins Visier der Zensurbehörden. Die aufrüttelnden Verse, mit denen er den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die osmanische Vorherrschaft unterstützen wollte, brachten ihm den Beinamen „Griechen-Müller“ ein. Er gehörte zu den meistvertonten Lyrikern des 19. Jahrhunderts, weltbekannt wurden die von Franz Schubert komponierten Gedichtzyklen „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“.


