Komponistenehe auf der Opernbühne

„Intermezzo“ darf wohl als die ungewöhnlichste aller Richard Strauss-Opern gelten. Betont autobiographisch erzählt der Zweiakter von den großen und kleinen Dramen einer am Ende doch halbwegs glücklichen Komponistenehe. Tobias Kratzer, einer der gefragtesten Regisseure seiner Generation und seit kurzem Intendant der Hamburgischen Staatsoper, hat das selten gespielte Stück an der Deutschen Oper Berlin neu inszeniert.

Richard Strauss´ Dauer-Librettist Hugo von Hofmannsthal hatte kein Interesse, diesen Text zu Papier zu bringen und auch Hermann Bahr fürchtete womöglich, dass sein Ruf durch ein Feuerwerk der Belanglosigkeiten Schaden leiden könnte. Doch auch wenn am Ende keine Szene Haupt- und Staatstragendes oder seelisch Schwergewichtiges zu bieten hatte, entstand beiläufig und zwischen den Zeilen ein veritables Meisterwerk, in dem Strauss als Textdichter und Komponist die lakonische, treffsichere Diktion mit einer kongenialen, vor Erfindungsreichtum überquellenden Partitur verschmolz.

Und so wird das Bühnengeschehen vielschichtiger als es vielleicht den Anschein hatte: Das Verhältnis des erfolgsverwöhnten, egomanen Tonsetzers Robert Storch zu seiner launischen, nörgelnden, bisweilen hysterischen Ehefrau Christine ist mitunter so gespannt, dass der nächste Schritt gut überlegt sein will, um nicht unfreiwillig aus dem Alltagszwist in eine echte Sinn- und Beziehungskrise zu stürzen. Und zum Überlegen bleibt wenig Zeit, denn der quirlige Parlando-Stil, der von den rasanten Orchesterzwischenspielen eher angefeuert als gebremst wird, verlangt immer neue Antworten.

Im kargen, aber funktionalen, eine undefinierte Gegenwart andeutenden Bühnenbild von Rainer Sellmaier zeigt Tobias Kratzer, der an der Deutschen Oper Berlin neben „Intermezzo“ auch „Arabella“ und „Die Frau ohne Schatten“ inszenierte, eine Fülle temporeicher Szenen mit doppeltem Boden. Das Duell um Geld und Liebe, das Christine und der stürmische Baron Plummer ausfechten, ist ein Meisterstück des Aneinander-Vorbei-Redens, -Singens, -Denkens und -Fühlens, in dem der abwesende Robert schließlich auf seltsame Weise die Oberhand gewinnt. Die Gattin verheddert sich in den Kostümen seiner Opernfiguren und bleibt der Bilderwelt des genialen Komponisten auch im 2. Akt treu. Mit einem Beil, das sie offenbar dem Fundus von „Elektra“ entnommen hat, taucht sie bei einem Notar auf, um ihren Scheidungsabsichten Nachdruck zu verleihen. Auf ein handelsübliches Happyend kann das alles nicht hinauslaufen und so drückt Kratzer Christine zum großen Finale den Klavierauszug der Oper in die Hand: Die theatralische Unterwerfung der Ehefrau wird vom Blatt gesungen, sodass sie garantiert niemand ernst nehmen kann …

Der permanenten Videoeinblendungen (Design: Jonas Dahl, Janic Bebi) hätte es also wieder einmal nicht bedurft, um eine überzeugende Neuinszenierung auf die Bühne zu bringen. Das gilt umso mehr als Maria Bengtsson (Christine) sowohl stimmlich als auch darstellerisch ohne alle Hilfsmittel in der Lage ist, das Bühnengeschehen zu dominieren. Sicher in der Höhe, eminent ausdrucksstark und bemerkenswert textverständlich meistert sie eine der herausforderndsten Partien ihres Fachs. Der ebenso geschmeidige wie charaktervolle Bariton Philipp Jekals (Robert), Thomas Blondells einschmeichelnder Tenor (Plummer) und der durchsetzungsstarke Sopran Anna Schoecks (Kammerzofe Anna) können ebenfalls überzeugen.

Eine weitere zentrale Rolle spielt das Orchester der Deutschen Oper Berlin, das rund 30 Minuten dieser „bürgerlichen Komödie mit symphonischen Zwischenspielen“ ohne Sänger bestreitet. Dirigent Donald Runnicles gestaltet die kleinen Intermezzi, aber auch das große Intermezzo mit Verve, rauschhaften Ausbrüchen und viel Liebe zum Detail.

Richard Strauss: Intermezzo, DVD und Blu-ray, Naxos