Für den Herrn auf Reisen

Wie sich die Kultur des Reisens in den vergangenen zwei Jahrhunderten gewandelt hat, zeigt dieses Exponat aus dem Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Auf den ersten Blick wirkt der Kasten aus Eichenholz eher unscheinbar. Im geöffneten Zustand offenbart er jedoch eine reich bestückte Ausstattung für die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Das Reisenecessaire für einen Herrn stammt aus der Zeit um 1800.

Die Ausstattung ist vielfältig. Für die tägliche Körper- und Schönheitspflege stehen ein Spiegel, Rasiermesser (von denen zwei fehlen), ein Klappmesser, eine Schere, ein Rasierpinsel, ein Wetzbrett zum Schärfen der Messer, eine Zahnbürste, ein Seifenkästchen aus Zinn, ein Parfumflakon aus geschliffenem Glas mit Silberdeckel, ein einklappbarer Ohrlöffel aus Perlmutt mit einer Spitze aus Schildpatt sowie eine Pinzette bereit. Für kleinere Reparaturen an Kleidung oder Schuhwerk ist das Necessaire ebenfalls ausgestattet: Knopfhaken und Stiefelhaken zum Schließen eines Knopfes und zum Anziehen der Schuhe, sowie eine hölzerne Nadelbüchse gehören ebenso dazu wie Nadeln und Häkchen. Zur Schreibausstattung zählen eine Elfenbeinhülse mit Schreibfeder sowie zwei kleine Zinndöschen für Tinte und Streusand.

Ergänzt wird die Ausstattung durch vielseitig einsetzbare Werkzeuge wie einen klappbaren Korkenzieher, einen Widerhaken, eine Schraube, einen kleinen Bohrer mit ovalem Griff und einen Stahlbügel. Auch an die medizinische Versorgung ist gedacht: Unter einer montierten Lederklappe im Deckel befindet sich ein Pflasterbrief mit „Court-Plaister“ aus London. Das Necessaire versorgte seinen Besitzer mit allen Utensilien, die den damaligen Vorstellungen von Reinlichkeit und Nützlichkeit entsprachen. Darüber hinaus enthielt es neben einer unverzichtbaren Reiseapotheke zahlreiche Gegenstände, die auf einer langen und beschwerlichen Reise von Nutzen sein konnten.

Solche Kästen waren kostspielige Luxusgüter, die sich nur Angehörige des Adels, Klerus oder reiche Bürgerinnen und Bürger leisten konnten. Sie sollten den gesellschaftlichen Anspruch ihres Besitzers unterstreichen und erlaubten es, auch unterwegs gepflegt und standesgemäß aufzutreten. Der repräsentative Charakter zeigt sich in den edlen Materialien – von Elfenbein, Silber, Schildpatt und Perlmutt bis zu Ebenholz – sowie in der Vielfalt der Ausstattung. Ein zeitgenössischer Bericht verdeutlicht diesen Anspruch. 1899 schrieb ein Korrespondent des „Centralblatts für Wagenbau, Sattlerei, Tapiezerei“ über ein Pariser Modell für eine russische Fürstin: „Noch kostbarer als selbst die vollkommensten Koffer sind jedoch die Reisenecessaires. Der große Luxus, der mit ihnen getrieben wird, ist geradezu unglaublich. […]. Die innere Einrichtung berücksichtigt jedes nur mögliche Bedürfnis des modernen Kulturmenschen“. Diese Worte treffen auch auf das beschriebene Exemplar zu, das zwar älter ist, jedoch eindrucksvoll Funktion und Repräsentation verbindet.

Der aus dem Französischen kommende Begriff „Necessaire de Voyage“ bürgerte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts ein und das Reisenecessaire wurde zum festen Bestandteil der Reiseausstattung wohlhabender Schichten. Im 19. Jahrhundert differenzierten sich Form und Inhalt weiter aus: So gab es „Necessaire-Taschen“ mit fest zugedachten Plätzen für Toilettenartikel. Um 1900 kamen aufwendig ausgestattete Einrichtungskoffer hinzu, die neben Bürsten und Flakons auch Platz für Kleidung, Wäsche, Schuhe und Reisedokumente boten. Parallel entstanden handlichere Mappen und Täschchen mit Reißverschluss, die sich im Koffer verstauen ließen und seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum beliebten Geschenkartikel avancierten.

Die teuren Einrichtungskoffer wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend von Beauty-Cases und Kosmetikkoffern verdrängt. Statt einer linearen Entwicklung vom Luxusgut zum Kulturbeutel kam es insgesamt zu einer Ausdifferenzierung: Neben Kosmetiktäschchen etablierten sich beispielsweise Maniküre-Etuis, Nähtaschen, Reiseapotheken, Rasiersets oder Werkzeug-Sets für verschiedene Zwecke.

Reisenecessaires spiegeln nicht nur luxuriöse Ausstattung und gesellschaftlichen Status wider, sondern auch ein sich wandelndes Verständnis davon, was unterwegs benötigt wird. Während im 18. und 19. Jahrhundert vollständige Sets für Körperpflege, Schreiben, Werkzeuge sowie Reiseapotheken unverzichtbar erschienen, veränderte die industrielle Massenproduktion die Reisegewohnheiten grundlegend. Mit der Verfügbarkeit von Drogerie-Artikeln im handlichen Reiseformat sowie Einmalprodukten (z.B. Wattestäbchen, Einmalzahnbürsten oder Pflaster) war es nicht länger nötig, Flakons und komplette Ausstattungen mitzuschleppen. Es entwickelte sich schließlich ein Alltagsgegenstand für alle Bevölkerungsschichten und nahezu jeden Zweck.