Wer die laufenden Diskurse über Männlichkeit und das Verhältnis der Geschlechter insgesamt auch nur von ferne betrachtet, ahnt: Herbert Grönemeyer hat 1984 eine richtige Frage gestellt. Aber natürlich nicht alle Antworten geliefert. Denn wann ein Mann eigentlich ein Mann ist, das wollten (insbesondere auch männliche) Künstler schon in vergangenen Jahrhunderten wissen. Der Bariton Lars Conrad und der Pianist Daniel Prinz kommen auf ihrer einfallsreichen und sehr unterhaltsamen CD einem sozialen Konstrukt und seiner Fehleranfälligkeit auf die Spur.
Nur Hugo Wolf hatte schon damals nichts dazulernt. Sind doch seine Trinklieder nach Texten von Goethe so etwas wie klingende Saufgelage und am ehesten geeignet, ein Männerbild zu zeichnen, wie wir es dem 19. Jahrhundert vielleicht spontan anheften möchten. Dröhnend laut, breitbeinig und selbstgefällig wird der Humpen gehoben, um dann schale Lebensweisheiten zum Besten zu geben: „So lang man nüchtern ist, / Gefällt das Schlechte; / Wie man getrunken hat, / Weiß man das Rechte.“
Nur ganz leise kündigen sich hier Zweifel an, ob haltloser Alkoholkonsum und ein erfülltes Liebesleben wirklich zwei Seiten einer Medaille sein können. Bei Johannes Brahms sieht das ganz anders aus. In seinen „Neun Liedern und Gesängen op.32“ muss sich der männliche, von Depressionen und Identitätskrisen geplagte Protagonist aufraffen, um auch nur umherschleichen zu können. Die tapfere Selbstbeschwörung „Atme den Feind aus der Brust!“ verhallt allerdings im Nirgendwo einer gefühlsarmen, ja lebensfeindlichen Umgebung: „Der Baum verdorrt, / Der Duft vergeht, / Die Blätter liegen / So gelb im Beet, / Es stürmt ein Schauer / Mit Macht herein, / Und könnt ich je / Zu düster sein?“

Auch bei Robert Schumann ist von Dominanz, Herrschaft und Kontrolle keine Rede. Die Lieder nach Texten von Kerner und Goethe setzen Männer in Szene, die sich geradezu danach sehnen, die in sie gesetzten Erwartungen hinter sich zu lassen. Irritiert, unentschlossen und verletzt fliehen sie in die Natur oder an einen einsamen Wirtshaustisch. Doch auch dort wartet keine Erlösung. Was bleibt, sind Tränen: „In stillen Nächten weinet / Oft mancher aus den Schmerz, / Und morgens dann ihr meinet, / Stets fröhlich sei sein Herz.“
Lars Conrad und Daniel Prinz, die an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin studieren, finden für die ganz unterschiedlichen Innenansichten durchweg die passenden Rahmen, in denen sie musikalisch eindrucksvolle, dramaturgisch überzeugende und sehr plastische Porträts erscheinen lassen. Ein Höhepunkt des Albums sind die nur scheinbar spröden, mit Emphase und Augenzwinkern vorgetragenen „anakreontischen Fragmente“, mit denen Hanns Eisler den antiken und den modernen Männlichkeitswahn im Jahr 1943 ironisierte. Unser Anspieltipp ist trotzdem Robert Schumanns hochromantisches Lied „Stille Tränen“. Wie Conrad und Prinz den musikalischen Fluss hier nuancenreich antreiben, um ihn dann fast zum Erliegen zu bringen, zeugt von der großen Gestaltungskraft des jungen Duos, von dem noch einiges erwartet werden darf. Der Anfang ist mehr als vielversprechend.
Lars Conrad und Daniel Prinz: Männer. Zwischen Rausch und Verzweiflung, Lieder von Johannes Brahms, Hanns Eisler, Robert Schumann, Hugo Wolf, Franz Schubert, Genuin


