Musik durch Masken

Nachdem die Ausnahmebegabung seiner Schwester Fanny Hensel schon seit den 1980er Jahren wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt ist, interessiert sich die Musikwelt seit einiger Zeit auch für den Großneffen von Felix Mendelssohn Bartholdy. Arnold Mendelssohn (1855-1933) bereicherte – als Komponist und einer der Wiederentdecker von Heinrich Schütz – nicht nur die evangelische Kirchenmusik. Er war auch ein versierter Symphoniker, der traditionelle Formen mit neuem Leben füllte.

„Hingabe an das unmittelbar Wirkliche“ sei ihm nicht gegeben, zitiert Booklet-Autor Jürgen Böhme den Musiker, der an seinen Wirkungsstätten Bonn, Bielefeld, Köln und Darmstadt am Ende des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterließ. Arnold Mendelssohn operierte deshalb aus der Distanz, indem er die eigene künstlerische Empfindung in „Masken“, will sagen: in bewährten Stilen und Formen auftreten ließ. Dabei entstanden allerdings keine rückwärtsgewandten Kopien, sondern ebenso traditionsbewusste wie originelle Neuschöpfungen.

Am deutlichsten wird Mendelssohns Modus Operandi im ersten Satz seiner 2. Symphonie (1923), der offenkundig eine Verbeugung vor Anton Bruckner darstellt. Der große Vorgänger durchweht das Allegro con brio aber nur wie eine komprimierte Erinnerung. Abgesehen davon, dass Bruckner kaum mit zehn Minuten ausgekommen wäre, treibt Mendelssohn die Kontrastwirkungen auf die Spitze und eilt ohne längere Ruhepausen zur nächsten instrumentalen Entladung. Im abschließenden Finale stellen sich dann noch mehr Geister ein, das musikalische Geschehen mündet in einen turbulenten, reizvoll-abwechslungsreichen, mitunter aber schwer zu durchschauenden Maskenball.

Das 1921 in Darmstadt uraufgeführte Violinkonzert wirkt insgesamt homogener und stellt mit seinem ausladenden, phantasievollen Eingangssatz, dem tiefsinnigen Adagio und dem fröhlichen Finale eine echte Repertoirebereicherung dar. Die junge chinesische Geigerin Ziling Guo, die den anspruchsvollen Solopart virtuos, aber mit sehr warmem Ton spielt, beweist, dass es abseits der bekannten Pfade immer wieder Lohnendes zu entdecken gibt. Ihrem Plädoyer für den unbekannten Mendelssohn schließen sich die Symphoniker Hamburg unter der Leitung von Ulrich Windfuhr an, der nicht nur die stilistische und formale Achterbahnfahrt, sondern auch die mitunter abrupten Tempo- und Stimmungswechsel perfekt ausbalanciert.

Arnold Mendelssohn: Violinkonzert g-Moll op.88 / 2. Symphonie C-Dur op.92