Braune Relikte (46. und letzter Teil): Stoffscheiben mit Hakenkreuzen.
Selbst wenn die Bundesrepublik Deutschland für ihren kritischen Umgang mit der NS-Geschichte vielfach gelobt wurde, bleibt die NS-Aufarbeitung auch künftig eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe.
Staat und Gesellschaft sind mit der Geschichte von NS und Holocaust direkt verknüpft. Mit gesellschaftlichem Wandel gilt es, die Erinnerungskultur fortzuschreiben und zukunftsfähig zu halten. Zumal: Rechtes Gedankengut war nie verschwunden und erzeugt nicht zuletzt über Social Media eine neue brutale Öffentlichkeit, die – ob gewollt oder nicht – auch zu konkreten Taten anstiftet. Was früher an unqualifizierten Äußerungen am Stammtisch blieb, wird heute via Netz weltweit gepostet. Es fordert angesichts der unfassbaren historischen Gewalt zum direkten Widerspruch auf. Wachsamkeit gegenüber Anpassungsfähigkeit und Gleichgültigkeit ist gefragt. Es heißt, jeden Anfängen zu wehren.
2016 wurde auf dem Dachboden eines Osnabrücker Hauses ein merkwürdiges Zeitfenster aufgestoßen. Bei der Renovierung des Altbaus wurden 17 weiße Stoffscheiben mit Hakenkreuzen gefunden. Sie lagen, in eine Plastiktüte gestopft, hinter einem Kaminschlot. Fadenreste deuten darauf hin, dass die Hakenkreuze 1945 nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus von mehreren Nazifahnen abgetrennt und anschließend versteckt worden sind. Bis dahin waren sie Teil der regelmäßigen propagandistischen Masseninszenierung der NS-Bewegung gewesen, an nationalen Feiertagen in Straßenzügen in die Länge gezogen oder als Fahnenmeer bei Großveranstaltungen.
1935 wird das rot-weiße Parteituch mit der Swastika alleinige Nationalflagge. Zehn Jahre später ist das „Tausendjährige Reich“ bereits Geschichte. Aber sieben Jahrzehnte später sind 17 Hakenkreuze immer noch existent. Dass NS-Fahnen am Ende der NS-Herrschaft abgehängt und angesichts des Materialmangels weiterverwertet wurden, war üblich. Warum aber wurden 17 schwarze Hakenkreuze auf weißem Grund von roten Fahnen abgelöst und dann dezent aufbewahrt? Für „kommende Tage“? Andere Zeiten? Sehnte sich jemand nach der Rückkehr einer verbrecherischen Diktatur und Ideologie?
Vor einem Jahrhundert hatte Hitler, wie er in „Mein Kampf“ selbstverliebt schrieb, das nationalsozialistische Herrschaftssymbol persönlich entwickelt: „Ich selbst hatte unterdes nach unzähligen Versuchen eine endgültige Form niedergelegt: eine Fahne aus rotem Grundtuch mit einer weißen Scheibe und in deren Mitte ein schwarzes Hakenkreuz. […] Im Hochsommer 1920 kam zum ersten Male die neue Flagge vor die Öffentlichkeit. Sie paßte vorzüglich zu unserer jungen Bewegung. […] Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken der Bewegung, im Weiß den nationalistischen, im Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg des arischen Menschen und zugleich mit ihm auch den Sieg der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird.“ Mit den 17 Stoffscheiben hat der unbekannte Absender seiner „Zeitkapsel“ von 1945 also besonders das nationalistische, rassistische und antisemitische Gedankengut der NS-Zeit für eine unbekannte Zukunft bewahrt.
Die Kapsel wirkt wie eine eindringliche Mahnung. Sie erinnert daran, dass mit dem Kriegsende und der Befreiung vom Nationalsozialismus vor 75 Jahren zwar die Relikte der zwölfjährigen NS-Diktatur aus der Öffentlichkeit verbannt wurden. Mit den Symbolen – Hakenkreuzen und Hitlerporträts, Parteiabzeichen und Uniformen – verschwand jedoch nicht automatisch auch der braune Zeitgeist. Trotz versuchter Entnazifizierung und Reeducation sowie begonnener Aufarbeitung dieser beispiellosen Periode deutscher Geschichte lassen Kontinuitäten, ungebrochene Biografien und neonazistische Tendenzen erkennen, dass die Auseinandersetzung mit dieser Zeit in eine neue Runde gehen muss. Antisemitismus und Rassismus sind nach wie vor in der Gesellschaft existent. Die von ihren Fahnenstangen gelösten Hakenkreuze erinnern daran, dass wir uns stets vergegenwärtigen müssen, was die NS-Zeit bedeutete; was für Leid Diktatur und Faschismus, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Hass, Größenwahn, Selbstüberschätzung und blinder Gehorsam verursachen können – damals wie heute.
Zu dieser Serie
Es ist die Geschichte einer Stadt, doch was hier geschah, ereignete sich auch in vielen anderen deutschen Städten. Die Serie „Braune Relikte“ basiert auf der Sammlung Nationalsozialismus, die sich im Museumsquartier Osnabrück befindet. Anhand von Objektbiografien wird die Geschichte des Nationalsozialismus mit seinen Ursachen und Folgen veranschaulicht. So entsteht ein virtueller Lernraum, der die Fundstücke einer Diktatur analysiert, um Lernprozesse für demokratische Gesellschaften zu ermöglichen.


