Ortsnamen sind Geschichtsquellen. Ihre ursprüngliche Bedeutung gibt einen Einblick in die Zeit, in der sie entstanden sind. Auch für die Geschichte der Besiedlung der Region können einige von ihnen aufschlussreiche Hinweise geben. Zu diesen Ortsnamen gehört auch Bockraden bei Ibbenbüren.

Der Name, der 1189 erstmals als „Bocrothen“ erscheint, ist in die Teile Boc- / Bock- und -rothen / -raden zu zerlegen. Im Grundwort des Namens -rothen / -raden steckt altnieder-deutsch roth, mittelniederdeutsch rôt ‚Rodung‘ im Dativ Plural. Im ersten Teil des Namens ist nicht etwa der Ziegenbock enthalten, wie die heutige Form nahelegen könnte, sondern altniederdeutsch bôka ‚Buche‘. Bockraden war also ursprünglich die ‚Buchenrodung‘. Die Siedlung Bockraden gehört somit zu den sogenannten Rodungsorten.
Damit hat man aber auch einen Anhaltspunkt, ihre Entstehung zu datieren. Im Tecklenburger Land lassen sich in der Zeit zwischen Christi Geburt und dem Jahr 1200 zwei Phasen verstärkter Rodung und intensiven Landesausbaus nachweisen: In der Völkerwandungszeit ab dem 3. nachchristlichen Jahrhundert trat eine Siedlungsdepression ein. Die alten Wohnstätten wurden aufgegeben. Insgesamt war das gesamte Münsterland damals ziemlich bevölkerungsleer. Nur wenige alte Siedlungen bestanden weiter. Um 400 n. Chr. ist dann wieder eine leichte Siedlungszunahme zu verzeichnen. Neue Siedlungen wurden an alten siedlungsgünstigen Orten angelegt.
Zu einer verstärkten Rodungsphase kam es dann nach 800 n. Chr. Große Waldflächen dominierten aber weiterhin die Region. Das änderte sich erst mit der hochmittelalterlichen Rodungsphase des 10. und 11. Jahrhunderts. Damals wurden auch siedlungsungünstigere Gebiete erschlossen. In diese zweite hochmittelalterliche Phase dürfte auch die Entstehung Bockradens zu datieren sein, weil sich der Ortsnamen erst 1189 belegen lässt.
Allerdings gibt es auch Orte in der Region, die in die erste Rodungsphase des 9. Jahrhunderts gehören. Dazu gehört Rodde bei Rheine. Der Ortsnamen wird nämlich bereits zwischen 880 und 890 als „Rođa“ erwähnt. Nach 890 heißt der Ort „Rotha“. Auch in diesem Namen steckt altniederdeutsch roth ‚Rodung‘ im Dativ Singular, den man mit ‚Siedlung bei/in der Rodung‘ übersetzen kann. Damit ist auch entschieden der Ansicht zu widersprechen, die etwa auf der Homepage des Heimatvereins Rodde vertreten wird, der Name Rodde bedeute ‚Sumpf‘. Da es das dort angeführte „altdeutsche“ Wort „Rotha = Sumpf“ nicht gibt, hat diese Deutung keine Grundlage. Die Ortsnamen Rodde und Bockraden weisen unzweifelhaft auf Rodungsprozesse hin.


