Am Rand des Moores

Aufgelesen (27): Theodor Storms Novelle „Draußen im Heidedorf“.

An der Kirchenmauer erblickt der Reisende die Jahreszahl 1470 und sofort hat er den Eindruck, als ob die Zeit in dem Dorf, dass sich weit außerhalb der Städte an den Rand eines Moores drückt, seit Jahrhunderten stillsteht. Pastor, Küster und der ferne Landvogt wachen hier über Ruhe und Ordnung und regeln die Angelegenheiten der Dorfbewohner auf die immer gleiche Weise. Doch eines Tages wird die uniforme Gesellschaft gestört – mit tödlichen Folgen.

Als der Landwirt Hinrich Fehse stirbt, wissen die Amtspersonen bereits, wie es für seine Hinterbliebenen weitergeht. Der älteste Sohn soll das verschuldete Gehöft übernehmen und die Tochter eines wohlhabenden Bauern heiraten. Dass Hinrich junior in Margarete Glansky, die hübsche Tochter der Hebamme, verliebt ist, scheint dem Küster kein ernsthaftes Hindernis. Er vermittelt das Mädchen als Nähjungfer in die Stadt und glaubt damit ein gutes Werk getan zu haben. Schließlich sei ihr Großvater „ein Slowak von der Donau“ gewesen und die Hebamme, die sich mit Kartenlegen und Geschwulstbesprechen etwas dazuverdient, hätte ebenfalls „übel gepasst in eine alte Bauernfamilie“.

Hinrich heiratet die für ihn ausgesuchte Frau und lebt das vorgeschriebene Leben – bis Margarete eines Tages zurückkehrt. Seine Leidenschaft nimmt nun immer bedrohlichere Züge an. Tag für Tag belagert er das Haus der Angebeteten, die auch von dem reichen Bauernsohn Hans Ottsen umschwärmt wird. Hinrich vernachlässigt Hof und Familie, stürzt sich in immer neue Schulden und hofft inständig auf den baldigen Tod seiner kranken Frau. Margarete aber bleibt seltsam unberührt. Als Hinrich begreift, dass sie nicht einmal im fernen Amerika eine gemeinsame Zukunft haben werden, stürzt er verzweifelt davon.

Realistische Menschen, symbolträchtige Natur

Die Novelle erschien 1872 in der Zeitschrift „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“ und markiert Storms Hinwendung zu einer betont realistischen Schreibweise. Dass der Dichter selbst davon überzeugt war, einen ganz neuen Grad „epischer Objektivität“ erreicht zu haben, mag zunächst in dem Umstand begründet sein, dass er einen Fall schilderte, den er Mitte der 1860er Jahre als Landvogt in Husum in ähnlicher Weise erlebt hatte. Die Akteure waren also bekannt, obwohl es natürlich mehr als die Realität brauchte, um sie so plastisch und lebensnah aufs Papier zu bringen.

Auch die Wahl des Erzählers, der sich den Ereignissen in Erinnerungsschüben noch einmal nähert, war naheliegend und gleichzeitig literarisches Kalkül. Für den Landvogt der Novelle eignete sich der nüchterne Tonfall ideal, um das Erlebte aus persönlicher Betroffenheit herauszuschälen und als signifikanten Fall darzustellen. Doch der Erzähler ist gleichzeitig Teil seiner Geschichte und gerät in den Sog von Atmosphären und Stimmungen, die ihren wesentlichen Teil ausmachen. Denn die Novelle ist kein Sozialdrama, dass sich am ideologischen Reißbrett interpretieren ließe. Das Heidedorf ist geprägt von klaren, aber unausgesprochenen Machtverhältnisse, komplexen Beziehungsgeflechten, düsteren Stimmungen, Misstrauen und Vorurteilen. Als der Landvogt aufbricht, um Hinrichs Verschwinden zu untersuchen, spiegelt sich das düstere Innenleben der Menschen bereits in der absterbenden Natur.

Meine Augen begleiteten im Vorüberfahren das ebenso sanfte als schwermütige Schauspiel, wie fortwährend unter dem noch warmen Strahl der Sonne sich gelbe Blätter lösten und zur Erde sanken, zumal wenn vor dem Schnauben unserer Pferde eine verspätete Drossel, ihren Angstschrei ausstoßend, durch die Büsche flatterte.

Je näher der Landvogt dem Heidedorf kommt, desto trostloser wird die Außenwelt.

Es schien hier, als sei plötzlich der letzte Sonnenschein, der noch auf Erden war, von dieser düsteren Steppe eingeschluckt worden. Zwischen dem schwarzbraunen Heidekraut, oft neben größeren oder kleineren Wassertümpeln, ragten einzelne Torfhaufen aus der öden Fläche; mitunter aus der Luft herab kam der melancholische Schrei des großen Regenpfeifers, der einsam darüber hinflog. Das war alles, was man sah und hörte.

Nähjungfer mit Vampirzähnen

In dieser Atmosphäre denkt der Landvogt an die Sagen von einem „weißen Alp“, der in der Heimat von Margarethes Vorfahren ahnungslosen Schläfern die Seelen ausgetrunken haben soll. Das heimtückische Wesen scheint nicht nur an der unteren Donau, sondern auch im hohen Norden sein Unwesen zu treiben. Jedenfalls sieht Hinrichs Mutter durch den Fensterladen weiße, spitze Zähne und schwarze Augen, kurz bevor ihr Sohn aus dem Haus stürzt. Hat Margarethe als mindestens metaphorisch blutsaugende femme fatale den tumben Verehrer endgültig ins Verderben gerissen?

Die Protokolle des Landvogtes lassen diese Möglichkeit offen. Die realistische Erzählweise wird so ein letztes Mal durchbrochen, um Storms bekannter Vorliebe für Gespenstergeschichten den angemessenen Raum zu geben. Dann aber kehrt sie zurück und verabschiedet die junge Frau mit knappen Worten in eine urbane Anonymität.

Will man noch nach dem Slowakenmädchen fragen, so vermag ich darauf keine Antwort zu geben; sie soll in ich weiß nicht welche große Stadt gezogen und dort in der Menschenflut verschollen sein.