Woher rührt die besondere Wirkung, die die Aufnahmen von Gedichtlesungen des irischen Dichters und Nobelpreisträgers Seamus Heaney bei ihm hinterlassen? Dieser Frage widmet sich der Autor in einer neuen Reihe von vier Artikeln. In Verbindung mit dem Motiv des Todes, das sich in vielen der Gedichte findet ergibt sich daraus auch ein grundlegendes Nachdenken über Anwesenheiten und Abwesenheiten im Medium der Stimme – wie in der im Titel zitierten Zeile aus Heaneys Gedicht „Brutstätte“ aus dem Band „Stationen“ („Stations“) von 1975.
Heaney hören – ein Projekt, das ich nun seit mehreren Monaten verfolge. Abend für Abend sitze ich am CD-Spieler und höre eine der Aufnahmen aus der monumentalen Edition „Seamus Heaney: Collected Poems“, einer Box von sechzehn CDs, die der irische Sender RTÉ Radio 1 2009 herausgebracht hat. Doch was fasziniert mich so daran, der Stimme dieses 2013 verstorbenen Dichters zu lauschen? Die Kraft seiner großartigen Texte, sicherlich. Aber die sind auch über die Gedichtbände zugänglich. Etwas muss in der Stimme liegen, etwas Numinöses, auf dessen Spur ich mich gegeben möchte – und diese Spur führt mich nicht nur zu Heaney, sondern auch zu mir selbst. Das just dies beim Hören geschieht, ist kein Zufall, wie Vilém Flusser erläutert, zwar in Bezug auf Musik, aber durchaus übertragbar auf andere Hörwahrnehmungen:
Da der Hörende beim Hören selbst die gehörte Musik [oder hier: das gehörte Gedicht] ist, da sein „Selbst“ die Musik [das Gedicht] ist, heißt, sich der Musik [dem Gedicht] anzupassen, eben selbst Musik [Gedicht] zu werden. […] Dieses wissende Erleiden heißt im Griechischen „pathein“. Der Empfang von Musik [Gedichten] […] im Bauch […] ist Pathos, und sein Effekt ist Empathie in die Botschaft.
Da diese empathische Form des Hörens von Gedichten besonders erkenntnisfördernd für meine Überlegungen zu Heaneys Lesungen erscheint, ist ein kurzer Umweg über meine subjektiven Gedanken und Assoziationen beim Hören durchaus zielführend, illustriert er doch nur die Intimität des Hörerlebnisses.
Stimmen, die Distanzen überwinden
Dieser Umweg führt uns zur Kirche St. Lambertus im westfälischen Dolberg, dem Heimatort meiner Mutter. Geboren 1943 ist sie wie Seamus Heaney (*1939) noch in einer sehr dörflichen und katholischen Welt aufgewachsen. Die Dolberger Kirche ist ein eher schlichter Bau, wenn auch seine Geschichte bis in das 12. Jahrhundert zurückgeht. Daher kann ihr Gewölbe nicht mit dem wunderbaren Phänomen aufwarten, das ich aus anderen, größeren Kirchen wie der St Paul’s Cathedral in London kenne: der Flüstergalerie. Hier kann man, die Augen vom Raum abgewandt und das Ohr auf die Wand gerichtet, die Stimme einer Person hören, die am anderen Ende des Gewölbes sitzt – so weit entfernt, dass ihr Körper schon aus dem Blick verschwunden ist. Ein Effekt, der ein kindliches Staunen auslösen kann und ganz praktisch vorführt, welche Macht der Stimme innewohnt: „Sie läßt einen Körper hören“, sagte Roland Barthes und tatsächlich bringt sie uns in die Nähe auch von abwesenden Menschen. Bedauerlich, dass ich diese Fähigkeit der Stimme in der Kirche in Dolberg nicht evozieren kann, nicht zur Wand flüstern kann in der Hoffnung, dass die Stimme meiner Mutter nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Grenzen überwindet und zurückflüstert.

Vielleicht hat sich ja ein Echo hier verfangen, wo sie sich doch als Kind in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren zweimal täglich zur Messe aufgehalten hat? Die Stimme meiner Mutter, sie fehlt mir – nicht nur in dem, was sie sagt, sondern vielmehr in dem, wie sie es sagt. Und das, obwohl ich sie fast 40 Jahre lang gehört habe. Roland Barthes beschreibt in der Trauer über den Tod seiner Mutter etwas ähnliches: „Merkwürdig, ihre Stimme, die ich so gut kenne, von der man sagt, sie gebe der Erinnerung ihre eigentliche Körnung („der liebe Klang…“), ich höre sie nicht mehr. Wie eine lokale Taubheit…“.
Die Kraft der Tonaufnahme
Auch der profanere aber nicht weniger beglückende Zugang über die Technik steht mir nicht zur Verfügung: Es gibt keine Tonaufnahmen meiner Mutter, wie sie zum Beispiel Seamus Heaney in seinem Gedicht „Die Kassette“ („The Cassette“) in Bezug auf seine eigene Mutter beschreibt:
wie ihre Stimme auf einer Kassette
Jahrzehnte später, unerwartet
Stimme von bevor dem Grab
einmal gespielt
einmal nur.like her voice on a cassette
decades later, unexpected
voice from before the grave
played once
and only once.
Wie schon Vilém Flusser und Roland Barthes theoretisch formuliert haben, lässt Heaneys Gedicht poetisch erahnen, welche Kraft einer aufgenommenen Stimme innewohnen kann. Sie kann aus dem Tod ins Leben sprechen und so für einen kurzen Moment diese unüberwindbaren Grenzen vergessen machen.

Er ist sich aber auch bewusst, dass man sich dieser Kraft vorsichtig zu nähern hat, damit sie einen nicht überwältigt: Die aufgenommene Stimme hört sich der Sprecher des Gedichtes „einmal / und nur einmal“ („once / and only once“) an. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade dieses Gedicht als ein lange unveröffentlichtes eines der wenigen ist, das nicht Teil der RTÉ-Aufnahmen ist, dass durch diesen Text Heaneys Stimme also nicht zu uns dringen kann.
Meine Mutter, Rilke, Heaney, ich und der Tod
Sind mir auch keine solchen Aufnahmen meiner Mutter erhalten, so zeigt sich doch die enge Verbundenheit von Stimme und Tod an einer anderen Stelle unserer Beziehung. In den letzten Monaten ihres Lebens konnte ich weniger bei ihr sein, als mir lieb gewesen wäre. Angesichts meiner körperlichen Abwesenheit nahm ich Zuflucht in die der Stimme innewohnenden Möglichkeit der Anwesenheit: Ich sprach Gedichte des von meiner Mutter geliebten Rainer Maria Rilke als Sprachnachricht auf und schickte sie ihr. Kein Sprechen aus dem Tod heraus, sondern ein Sprechen in das Sterben – und damit den Tod – hinein; in eine Kammer ohne Echo, in einen Raum und ein Zeitempfinden, die ich schon nicht mehr ganz mit meiner Mutter teilen konnte. Immer getragen von der Hoffnung, so für sie als Hörerin eine Form der Nähe herstellen zu können, wo andere Formen nicht möglich waren.

Als ich daher beim Hören von Heaney auch Rilke hörte, war ich besonders bewegt. In seinem vorletzten Gedichtband „District and Circle“ von 2006 hat Seamus Heaney auch zwei Gedichte aus Rilkes Band „Neue Gedichte“ von 1907/08 übersetzt, „Die Brandstätte“ (Rilke: After the Fire) und „Der Apfelgarten“ (Rilke: The Apple Orchard). Das Flüstern der Apfelbäume des zweiten Gedichts scheint Rückschau auch auf das Leben meiner Mutter zu halten:
dienend, voll Geduld, versuchend, wie
das, was alle Maße übersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wächst und schweigt.Ready to serve, replete with patience, rooted
In the knowledge that no matter how above
Measure or expectation, all must be
Harvested and yielded, when a long life willingly
Cleaves to what’s willed and grows in mute resolve.
Ein Leben, das „voll Geduld“ versucht „was alle Maße übersteigt […] noch zu heben“ und das sich im Schweigen ausdrückt – oder noch genauer in „schweigender Entschlossenheit“ („mute resolve“), wie Heaney es passend formuliert. So hat meine Mutter gelebt und so ist sie gestorben. Heaney hätte hierin auch seine eigene Mutter wiedererkannt, derer er in vielen anderen seiner Gedichte gedacht hat. Dem gegenüber verbinde ich einige Zeilen aus „Die Brandstätte“ eher mit dem Zustand der Hinterbliebenen, die der Tod zurücklässt:
Denn seit es nicht mehr war, schien es ihm so
seltsam: phantastischer als Pharao.
Und er war anders. Wie aus fernem Land.For now that it was gone, it all seemed
Far stranger: more fantastical than Pharaoh.
And he was changed: a foreigner among them.
Neue Räume durch Klang
Und doch bleibt der Tod in Rilkes Gedicht Teil des Lebens, das sich in der durch ihn offenbarten Abwesenheit erst richtig zeigt: die „versengten / Hauslinden“ („Scorched linden trees“) begrenzen diesen Umriss noch ganz deutlich und fokussieren den Blick auf „ein Neues, Leeres“ („a newness, an emptiness“).
In seinem Aufsatz „Dylan the Durable? On Dylan Thomas“ zitiert Heaney eine hierzu passende Erläuterung von Rilke: „Der Tod ist eine Seite des Lebens, die von uns abgewandt ist […]: es gibt kein Hier oder ein Jenseits, sondern eine große Ganzheit“ (in der von Heaney zitierten englischen Übersetzung: „Death is a side of life that is turned away from us […]: there is neither a here nor a beyond, but a great unity“.) Heaney hören eröffnet für mich auch einen Raum der Erinnerung und Ganzheit – und eine Möglichkeit, entlang seiner Gedichte über eigene Erfahrungen mit dem Tod nachzudenken.
Dass dieses Erlebnis durch die fast schon körperliche Anwesenheit des verstorbenen Dichters über das Mittel der aufgenommenen Stimme noch verstärkt wird, werde ich in meinem nächsten, im April 2026 erscheinenden Artikel genauer untersuchen und in diesem Zusammenhang auch über das Motiv des Todes in der Familie in Heaneys Gedichten nachdenken.


