Die Realität überschreiben

Aufgelesen (13): Paul Kornfelds Roman „Blanche oder Das Atelier im Garten“.

Peter Härtling sah Licht aus seinen Zeilen sprühen, Siegfried Lenz hielt den einzigen Roman für eine „Kunstleistung ersten Ranges“. Doch das Lob der Kollegen fand beim Publikum kein dauerhaftes Echo. Paul Kornfeld blieb eine Randfigur der Literaturgeschichte.

Vor 100 Jahren sah die Situation völlig anders aus. „In seiner Zeit, besonders um 1920, war er sehr groß. Neben Kaiser und Sternheim der Meistbesprochene …“, zitiert Manon Maren-Grisebach den Schauspieler Ernst Deutsch. Tatsächlich gehörte der 1889 in Prag geborene Paul Kornfeld zu den Vordenkern und einflussreichen Autoren des deutschen Expressionismus. 1917 wurde sein stilbildendes Drama „Verführung“ am Schauspielhaus Frankfurt uraufgeführt, ein Jahr später erschien die programmatische Schrift „Der beseelte und psychologische Mensch“.

Schon in seinen frühen Texten war Kornfeld bemüht, die Kunst vor der Wirklichkeit in Sicherheit zu bringen. „Die Entwicklung der Menschheit auf- oder abwärts geht nicht im Bezirke der Tatsachen vor sich“, konstatierte er 1918. Und präzisierte dreizehn Jahre später: „Wer aber auch vom Denkenden, Erkennenden, Gestaltenden nichts verlangt als den Blick auf die aktuelle Realität, der verlangt nichts anderes als das Zurücksinken in eine primitive Barbarei.“

Paul Kornfeld vor 1939

Wie wenig Kornfeld bereit war, sich auf diese Barbarei einzulassen, belegt ein Brief aus dem Jahr 1932. „Wir werden es noch erleben“, schrieb er damals in einer fundamentalen politischen Fehleinschätzung an Maria Czamska, „dass Hitler als eine historische Episode betrachtet werden wird, höchstens ein Politiker sein wird wie irgendeinanderer.“

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrte Paul Kornfeld nicht mehr nach Deutschland zurück. In Prag begann er, unterstützt von dem Verleger Ernst Rowohlt, mit der Niederschrift seines großangelegten Romans „Blanche oder das Atelier im Garten“. 1941 wurde Kornfeld in das Ghetto Litzmannstadt (heute: Łódź) deportiert, wo er am 25. April 1942 starb. Sein Hauptwerk erschien erst 1957 und noch einmal 1998 – bis heute gibt es keine vollständige Buchausgabe.

Der Missbrauch der Dinge

Die jüngste Veröffentlichung umfasst allerdings immer noch knapp 700 Seiten, auf denen Kornfeld nur wenig von dem verteilt, was den Begriff Handlung verdient hätte: Blanche Riedinger mietet ein Gartenhaus an, um ihre bescheidenen künstlerischen Ambitionen zu verwirklichen und Briefe an einen unbekannten Geliebten zu schreiben. Doch ihr Privatparadies basiert auf einem illegalen Mietvertrag. Als der eigentliche Besitzer, sein Eigentum zurückverlangt, nimmt sich Blanche das Leben.

Auf dieses Gerüst montiert Kornfeld ein vielgestaltiges Gesellschaftspanorama. Es spiegelt die vermeintlich goldenen Zwanziger, ist aber auch hundert Jahre später noch deutlich zu erkennen.

Um Blanche wimmelt es von Menschen, die mit der sogenannten Wirklichkeit deutlich besser zurechtkommen. Allerdings werden auch sie Opfer von fixen Ideen und sozialen Mustern – gerade wenn sie fest davon überzeugt sind, mit allen Konventionen gebrochen zu haben. Es ist insofern folgerichtig, dass Blanche nur am Ende einer Reihe von Suizid-Kandidatinnen steht, die „Das wandernde Veronal“ (Spiegel-Überschrift zur Buchpublikation 1958) vergeblich bemüht haben.

Kornfeld bannt die Erlebnisse seiner Figuren in eine klare, verblüffend moderne Sprache mit dezent ironischen Untertönen. Doch selbst für den boshaften Atelier-Besitzer, der „wie ein nach einem verlorenen Krieg weggestellter General“ aussieht, und für die feisten, spießigen und dummdreisten Diener des Kapitals, die sich hin und wieder im „kleinen Urwald der Gefühle“ verirren, bleibt ein Rest Empathie. Blanche wird das Mitgefühl des Erzählers in vollem Umfang zuteil, was auch damit zusammenhängen mag, dass er fehlende Praxistauglichkeit als subtilen Akt des Widerstands gegen eine barbarische Realität wertet.

Es ist begreiflich, daß Blanche ihre Besuche lieber in ihrem Atelierhaus empfing. Sie freute sich über jeden Gast, den sie hier hatte; war er aber gegangen, dann betrachtete sie ihre Zimmer, als hätten in ihnen Barbaren gewütet. Es schien ihr nämlich ein arger Mißbrauch der Dinge zu sein, daß man sie auch benutzte. Das Geschirr war schmutzig, die Stühle waren verrückt, die Kissen zerknüllt, da war ein Buch vom Regal genommen und dann achtlos beiseite gelegt worden, dort war die Ecke eines Teppichs umgeschlagen, ein bißchen Asche war auf den Boden gefallen – sie schaute sich um wie auf einem freien Platz nach einem Straßenkampf. Sie machte sich also, nachdem Müller-Erfurt sie verlassen hatte, augenblicklich an die Arbeit: sie räumte das Teegeschirr weg, entleerte, wusch und trocknete die Aschenbecher, rückte die Vasen an ihre Stelle, arrangierte die Blumen neu zu leichten, lockeren Sträußen, und erst, als alles wieder geglättet, in die vorgesehene Ordnung gebracht war, atmete sie, um sich schauend, auf. Jetzt erst war der Zwischenfall des Besuches erledigt, jetzt erst hatte sie gleichsam das Haus betreten, jetzt erst begann der Nachmittag – allerdings, er war zur Hälfte schon vergangen. Unentschlossen stand sie da und schien sich zu fragen, was sie nun tun solle.
Zitat Blanche oder Das Atelier im Garten

Paul Kornfeld ist kein strukturierter, zielbewusster Autor. Doch ihm fehlt durchaus nicht das literarische Format, um aus Blanche eine „Frau ohne Eigenschaften“ zu machen. Schließlich verfügt sie sogar über den berühmten „Möglichkeitssinn“, der in Robert Musils epochalem Roman als Fähigkeit beschrieben wird, „alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Auch Kornfeld überschreibt eine Realität, die von entseelten Menschen bestimmt wird. Blanche unterläuft den Herrschaftsanspruch des Dinglichen und Funktionalen, ohne dafür in besonderer Weise prädestiniert zu sein. Erzähler und Lesende stehen auf ihrer Seite – auch wenn oder gerade weil sie diesen Kampf nicht gewinnen kann.

„Blanche“ lesen

In Buchform ist der Roman derzeit nur antiquarisch erhältlich. Es gibt seit kurzem ein dreiteiliges, kostenloses eBook, das sich offenbar auf die Rowohlt-Ausgabe von 1957 bezieht.