Die Suche nach dem Echo

Aufgelesen (34): Katrin Hollands Roman „Babett auf Gottes Gnaden“.

In Katrin Hollands erstem Bestseller „Man spricht über Jacqueline“ (1930) schlüpft die Hauptdarstellerin in eine neue Identität, um den Geliebten an sich zu binden. Doch Lügen, Intrigen und die überzogenen Ansprüche des Mannes führen am Ende zur Katastrophe. In „Babett auf Gottes Gnaden“ gibt es keine dunklen Geheimnisse. Doch glücklicher werden die Protagonisten deshalb nicht.

Babett und Clemens Kerkhofen spielen von Anfang an mit offenen Karten. Sie ist fest entschlossen, ihr Leben mit der Bewirtschaftung des vom Vater erhaltenen Landgutes „Gottes Gnaden“ zu verbringen. Er sucht als Dirigent und Komponist seine Erfüllung in der Kunst. Eine Brücke zwischen beiden Welten existiert für beide nicht. Clemens ist das bürgerliche Erwerbsleben fremd, Babett bringt kein Interesse für die Musik auf und so bleiben die beiden Kinder und gelegentliche Besuche die einzigen Verbindungsstücke einer Ehe, die so betont nüchtern ist, dass Babett ihrem Mann auch Seitensprünge verzeihen würde.

Ob er auf seinen Reisen Erlebnisse mit Frauen hatte, schien sie nicht zu interessieren. „Du gehörst mir ja doch!“, pflegte sie zu sagen, „und das ist die Hauptsache; alles andere berührt mich nicht“.

Ob das auch umgekehrt gelten würde, diskutiert der Roman nicht, obwohl die Gutsbesitzerin hingebungsvoll von ihrem Nachbarn Tom Vorberg umschwärmt wird. Doch die Autorin lässt dem Klischee den Vortritt und Clemens in eine ausgewachsene Midlife-Krise taumeln. Er verfällt der blutjungen Geigerin Johanna Ridley, die „Geliebte, Kamerad und Schülerin“ in einem ist und dem Künstler und Mann einen neuen, unerwartet großen Resonanzraum eröffnet.

Sie schenkte, rückhaltlos, reich an den Schätzen einer unverbrauchten Jugend, alles, was sie zu schenken hatte, und gab ihm ein Echo, das er vergeblich jahrelang sehnsüchtig gesucht.

Clemens will die Scheidung, doch die ansonsten so praktisch veranlagte Babett verweigert ihre Zustimmung. Freigeben will sie ihren Mann erst, wenn er und Johanna die Belastbarkeit ihrer Beziehung durch ein freiwilliges Trennungsjahr unter Beweis gestellt haben. Der kuriose Plan scheint fehlzuschlagen, auch wenn Lord Cornwell, Johannas schwerreicher und noch etwas älterer Verehrer, alles daransetzt, der jungen Frau neue Perspektiven zu eröffnen. Doch in Paris wendet sich schließlich das Blatt. Johanna will kurz vor Ablauf der Frist alle Rücksichten über Bord werfen – auch auf die Gefahr hin, für immer in nicht-bürgerlichen Verhältnissen leben zu müssen. Clemens schickt ihr einen Strauß weißer Rosen und eine Botschaft, die Babett nicht emotionsloser hätte formulieren können: „Es war besser so. Clemens“

Beziehungsmodelle

Während „Man spricht über Jacqueline“ mit bisweilen geschliffener Prosa und manch psychologischer Raffinesse aufwartete und die schillernde, unberechenbare Protagonistin als „seltsames Gemisch aus moderner Sachlichkeit und veralteter Romantik“ präsentierte, unterbreitet Katrin Holland ihrer Leserschaft vier Jahre später ein deutlich niedrigschwelligeres Angebot. Hastig aufs Papier geworfen scheint dieser Eheroman, der die Geduld mit erwartbaren Handlungsabläufen und schablonenhaften Figuren strapaziert. Belanglos ist er deshalb nicht, denn Holland gelingt es auch in „Babett“, ein Fragenkarussell in Gang zu setzen, das nach dem Ende der Lektüre weiter seine Runden dreht.

Babett und Clemens haben veraltete Rollenklischees hinter sich gelassen. Beide sind berufstätig und führen eine gleichberechtigte Beziehung, die auf Freiheit und unbedingter Offenheit beruht. Warum ist ihre Ehe dann trotzdem am Ende? Weil vor lauter Rücksicht auf die Bedürfnisse beider Ichs das Wir vollkommen aus dem Blick geraten ist? Weil einvernehmliche Absprachen und eine solide Alltagsbewältigung kein Ersatz für emotionale Zuwendung und Empathie sind? Weil die Dinge einfach ihren Lauf genommen haben und keiner Schuldzuweisung bedürfen?

Sie hatten sich nur auseinandergelebt. Wen wollte man dafür verantwortlich machen?

Die Antwort der Erzählerin ist klar: Der Mann wird sich selbst unter gar keinen Umständen für irgendetwas verantwortlich machen. Und so wirft Clemens sein vergleichsweise modernes Eheleben über Bord, um einen in jeder Hinsicht altbackenen, stark hormongesteuerten und erschütternd gönnerhaften Ausbruchsversuch zu starten. Als auch dieser scheitert, pendelt er haltlos hin und her, um am Ende leicht verwundert wieder auf „Gottes Gnaden“ zu stranden. Hätte er doch lieber ein lebendiges Gegenüber gesucht statt immer nur ein Echo! Babett und Johanna haben die Zeit besser genutzt, sich mit ihrer Rolle in diesem schwer zu durchschauenden Spiel auseinandergesetzt und genau die Fragen nach der eigenen Verantwortung gestellt, denen Clemens lieber aus dem Weg gehen wollte.

Es wäre sicher spannend gewesen, wenn Katrin Holland den Fokus nicht allein auf die emotionalen Verflechtungen, sondern gelegentlich auch auf wirtschaftliche Abhängigkeiten oder überhaupt auf materielle Aspekte gerichtet hätte. Wer etwa Gabriele Tergits fast zeitgleich erschienenen Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ (1931) neben ihre „Babett“ hält, bekommt einen Eindruck davon, wie das Alltags- und Berufsleben, Wohnungen und Straßen, Möbel und Geschirr, ja sogar Finanzprodukte und Bauvorschriften den Erfahrungs- und Empfindungsraum der Menschen beeinflussen. In Hollands Roman bleiben die Schauplätze dagegen schemenhaft. Ob sich die Figuren in London, Berlin und Paris oder auf dem idyllisch im Irgendwo liegenden Gutshof „Gottes Gnaden“ aufhalten, ist letztlich bedeutungslos.

Im realen Leben wurde der jeweilige Aufenthaltsort für die vermutlich 1910 in Rostock geborene Heidi Huberta Freybe mit zunehmender Lebensdauer dagegen immer bedeutsamer. Unter dem Namen Katrin Holland veröffentlichte sie im Berlin der späten 20er und frühen 30er Jahre eine Reihe von Romanen, die inhaltlich und stilistisch der Vorstellungswelt der Neuen Sachlichkeit verpflichtet waren. Über Italien, die Niederlande und England emigrierte sie Ende der 1930er Jahre in die USA, wo sie dem antifaschistischen Widerstand in „No Surrender“ (1942) ein literarisches Denkmal setzte. Holland publizierte fortan in englischer Sprache und unter dem Pseudonym Martha Albrand. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1981 schrieb sie vorwiegend Kriminalromane, die vielfach auch ins Deutsche übersetzt wurden und zumeist im Schweizer Verlag Orell Füssli erschienen. Ihre frühen Bücher gerieten darüber in Vergessenheit. Erst 2024 erschien bei Rowohlt eine Neuausgabe des einstigen Bestsellers „Man spricht über Jacqueline“.