Bevor die Bilder wirklich laufen lernten, versammelten sich viele Menschen in Europa und Übersee um einen seltsamen Rundbau. Er war mit bis zu 25 Gucklöchern versehen, die den Blick auf stereoskopische Bilderserien freigaben. Für ein paar Pfennige konnte man hier exotische Länder betrachten, Manöver verfolgen oder einen Blick in das Arbeitszimmer des Monarchen werfen.
Der in Namslau bei Breslau geborene August Fuhrmann (1844-1925) beschäftigte sich bereits früh mit Fragen der Akustik und Fotografie. Sein besonderes Interesse galt der Stereoskopie. Dieses fotografische Verfahren folgt dem Prinzip des räumlichen Sehens. „Durch eine zweiäugige Kamera werden zwei geringfügig waagerecht versetzt aufgenommene Bilder vom Gehirn des Betrachters zu einem dreidimensionalen Bild zusammengefügt“, erklärt Ines Hahn, Leiterin und Sammlungskuratorin „Fotografie und Topografie“ beim Stadtmuseum Berlin.

Die entwickelten Bilder werden bei der Wiedergabe im richtigen Winkel auf die Netzhäute projiziert. Dadurch kann das Gehirn beide Teilbilder zu einem Raumbild vereinen. Entscheidend ist, dass die Kamera beide Teilbilder im Augenabstand aufnimmt. Die beiden Objektive entsprechen den Augen und das Bildergebnis ist „ein konservierter Augenblick“, eine Momentaufnahme, so beschreibt es Karsten Hälbig vom „Förderverein für Kaiser-Panoramen e.V.“

Bernd Poch, Vorstandsmitglied des Oldenburger Vereins „Werkstattfilm e.V.“, hat sich ausführlich mit der Geschichte der Kaiser-Panoramen in Nordwestdeutschland beschäftigt. Seiner Einschätzung nach versuchte Fuhrmann zwei Ideen miteinander zu verbinden.
Einmal wollte er einen Apparat konstruieren, der es möglich machen sollte, mehreren Personen gleichzeitig einen Zyklus von Bildern nacheinander zu zeigen, ohne dass einer der Zuschauer sich von seinem Platz erheben musste. Zum anderen war es die Zeit der Erweiterung des Horizontes, der Entdeckung des Kosmos. Die Gesellschaft war wissbegierig; mit dem flächendeckenden Ausbau der Eisenbahn, der Möglichkeit der Konservierung von Eindrücken mittels der Fotografie und der schnellen Übertragung von Nachrichten durch die Telegrafie wollte man sich nicht mehr mit dem zufriedengeben, was im eigenen Gesichtskreis erfahrbar war.
Bernd Poch: Das Kaiserpanorama. Das Medium, seine Vorgänger und seine Verbreitung in Nordwestdeutschland
Fuhrmann entwickelte einen hölzernen Rundbau, um den herum bis zu 25 Menschen sitzen konnten. Durch Stereo-Okulare fiel ihr Blick ins Innere der Vorrichtung. In dem Panorama befand sich ein Zahnkranz mit aufstehenden Bilderkästen, in die 50 Glasdias eingesteckt werden konnten. Die Beleuchtung erfolgte anfangs durch Gas- oder Petroleumleuchten, die das Licht von schräg hinten durch die Stereo-Dias fallen lassen konnten. Der Antrieb erfolgte ab 1895 automatisch durch ein Turmuhrwerk.
Bei normalem Andrang ließ man das Uhrwerk laufen, sodass ein Bildumlauf etwa 20 Minuten dauerte. War der Andrang jedoch größer, etwa beim Besuch von Schulklassen, konnte man es auch schneller rotieren lassen. Der Bildwechsel wurde durch das Anschlagen einer Glocke angekündigt. Das Bild zog weiter und blieb zunächst vom hölzernen Rundbau verdeckt, bis es nach dem nächsten Glockenschlag beim Sitznachbarn erschien.

Reisen durch Afrika, zum Nordpol, nach Japan und in die Mittelmeerregion, waren so, ohne vom Stuhl aufzustehen, für nur 20 Pfennige zu sehen. Kinder und Militärpersonen zahlten die Hälfte. Minderbemittelten wurde kostenlos Eintritt gewährt. Mit seinem Vorführkonzept traf Fuhrmann den Nerv der Zeit und sein Kaiser-Panorama entwickelte sich rasch zu einem Publikumsmagneten und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Das Kaiser-Panorama wurde zu einem Massenmedium, das sich nicht nur an wohlhabende oder gebildete Bevölkerungsschichten richtete. Es wurde vom Erfinder vor allem auch als „Volksbildungsinstitut“ verstanden.
Nach einem zunächst wenig erfolgversprechenden Start seines ersten Kaiser-Panoramas in Breslau und Frankfurt zog es ihn 1883 nach Berlin. Der neue Standort in einer gut besuchten Einkaufspassage, der Kaisergalerie, brachte den ersehnten Erfolg. Bereits sechs Jahre später verfügte Fuhrmann über 38 ständige Filialen in europäischen Großstädten. Zur Blütezeit um 1910 versorgte Fuhrmann bis zu 250 Niederlassungen in Europa und Übersee mit stereoskopischen Bildern.

Die Bildserien wechselten wöchentlich. Der regelmäßige Nachschub an geeignetem Material musste deshalb sichergestellt werden. Einige Bildserien fotografierte Fuhrmann selbst, den Großteil aber erwarb er über etablierte Fotoagenturen. „Darüber hinaus ermunterte er seine Filialbetreiber, stereoskopische Serien anzufertigen, Kamera und Fotoplatten stellte Fuhrmann zur Verfügung“, erzählt Karsten Hälbig. Mit zunehmendem Erfolg konnte er sich aber auch eigene Fotografen leisten, die in seinem Auftrag Bildmaterial produzierten. Bis zu acht Fotografen waren in den wirtschaftlich erfolgreichsten Jahren für ihn weltweit unterwegs.
Das Verfahren der von August Fuhrmann ersonnenen „indirekt durchschimmernden Polychromierung“ funktionierte durch indirekt von hinten auf das Bild wirkende Lichtquellen unter Verwendung von lichtdurchlässigen, separaten Farbblenden und Kolorierungen direkt auf den Kaiser-Panorama-Dias. Farbtönungen und Bildkonturen wurden durch das Licht so miteinander verschmolzen, dass für den Betrachter der Eindruck eines Farbbildes entstand. Während von den einst 100.000 kolorierten Kaiser-Panorama-Dias noch etwa 25.000 bekannt sind, haben sich von den Papier-Farbblenden nur noch einige wenige erhalten.
Wie es mit August Fuhrmanns Erfindung weiterging, erfahren Sie im zweiten Teil, der am 6. Dezember 2025 hier auf www.kulturabdruck.de erscheint.


