Durch Schreiben die Welt verändern

Können erfundene Geschichten das verändern, was wir für die Realität halten? Victor Hugo hatte auf diese schwierige Frage eine klare Antwort. „Nichts ist mächtiger als eine Idee zur richtigen Zeit“, meinte der französische Klassiker.

Aber wie genau funktioniert das? Es beginnt bei uns Schreibenden: Wenn wir über etwas schreiben, führt das dazu, dass wir uns intensiv mit einem Thema befassen, dass wir überlegen, was könnte noch möglich sein und vor allem: Wie könnte es anders sein? Wir erschaffen neue Gedanken zu einem Thema, die bisher vielleicht so noch gar nicht gedacht wurden. Wenn sich also beim Schreiben unsere Sicht auf die Welt ändert, ist diese nicht mehr dieselbe wie zuvor.

Schon Platon spekulierte vor über 2.000 Jahren angesichts der „Schatten an der Höhlenwand“ darüber, inwieweit das, was wir sehen, der Wirklichkeit entspricht. Arthur Schopenhauer nahm den denkwürdigen Satz „Die Welt ist meine Vorstellung“ zum Ausgangspunkt seiner philosophischen Betrachtungen. Und auch die moderne Neuroforschung geht davon aus, dass das, was wir sehen eher eine Interpretation der Wirklichkeit durch unser Gehirn ist – in Abhängigkeit, von dem, was wir bereits wissen oder zu wissen glauben. Verändern wir also durch Schreiben unsere Sichtweise auf die Welt und später unsere Leser durch das Lesen unserer Geschichten, dann können auch sie die Welt anders, also verändert sehen.

Unsere Geschichten in anderen Köpfen

Ein Beispiel aus dem Environmental Writing: Jemand sieht in einem Teil der Natur bisher nur (feindliche) Wildnis, die bekämpft, gerodet, entfernt, gesichert werden muss, um Gefahr abzuwenden. Liest er oder sie dann aber eine Story über den Wald, die zeigt, dass die Menge von Bäumen keine feindliche Wildnis ist, sondern ein großes Lebenssystem mit vielen Bewohnern, die Leben spenden und sichern, kann das die Sicht auf die Ansammlung von Bäumen durchaus verändern und Ängste auflösen.

Allerdings wissen wir auch, dass Fakten allein nicht ausreichen, um Veränderung hervorzurufen, wie das bekannte Internetmeme zeigt: „Ich weiß, dass Du Recht hast, aber meine Meinung gefällt mir besser“.

Wenn wir Geschichten erzählen, transportieren wir nicht nur Fakten, sondern auch einen Kontext, Gefühle, Spannung, Bilder und vieles mehr. Unsere Geschichten dürfen in die Köpfe anderer Menschen! Wenn die Geschichte gut geschrieben ist, sie deshalb zu Ende gelesen wird, können wir über den Kontext, die Gefühle, die Bilder, die Ideen etc. unsere Ansichten mit anderen teilen und so vielleicht deren Blick auf die Welt verändern.

Der nächste Versuch: Schreibwerkstatt am 25. September

Ein Versuch, die Welt wieder ein kleines Stück zu verändern, startet am letzten Samstag im September (25.9.2021). Von 10.00 bis 17.00 Uhr lädt das Literaturbüro Westniedersachsen zu einem innovativen Schreib-Workshop in freier Natur ein. Jörg Ehrnsberger und Dr. Thorsten Stegemann, der Autor dieses Artikels und der Herausgeber von „Kulturabdruck“, führen zu Beginn in das Thema Nature Writing und seine Besonderheiten sowie in hilfreiche Methoden des Storytelling ein.

Bei diesem Nature Writing-Tag auf dem Gelände des Museums Industriekultur Osnabrück (Pferdestall, Süberweg 50a) sollen Bäume als Inspiration für eigene Kurzgeschichten dienen. Die Texte werden nach dem Workshop noch einmal lektoriert. Maximale Teilnehmerzahl: 12, Schutzgebühr: 35.- €. Am Veranstaltungstag sind die geltenden Corona-Regeln zu beachten.
Der Workshop ist ein offenes Angebot für alle Schreibinteressierten – auch für Schreibbegeisterte ohne Schreiberfahrung.

Anmeldungen unter: redaktion@kulturabdruck.de