Er, der herrlichste von Allen

Historische Bildpostkarten (3).

Wir schauen erneut im Archiv Historische Bildpostkarten vorbei. Die von Sabine Giesbrecht gestiftete Sammlung beinhaltet Bildpostkarten von den Anfängen bis 1945. Auf „Kulturabdruck“ stellt die emeretierte Professorin für Historische Musikwissenschaft eine Auswahl vor.

O je, da hat sich ein Karikaturist aber einmal ausgetobt. Er lässt eine seltsame ältere Frau am Klavier übertrieben von Liebe zum Herrlichsten aller Männer schwärmen, einem jungen, bärtigen „Hippie“, dessen Konterfei an der Wand über ihr angebracht ist. Ihr schwarzes Kleid mit der Wespentaille, den braven weißen Ärmelaufschlägen, der seltsamen Halskrause und nicht zuletzt die geradezu groteske Frisur machen sie zur Witzfigur.

Der zum Singen unschön aufgerissene Mund, ihre zum Spielen emphatisch erhobenen Hände und die wilden, auf das Männer-Porträt gerichteten Augen karikieren die Leidenschaft, die das arme Wesen offensichtlich erfasst hat. Dargestellt ist hier der Typus der „alten Jungfer“, ein bedauernswertes und gesellschaftlich wenig angesehenes, weil unverheiratet gebliebenes Geschöpf, das sich – kaiserzeitlichen Bildpostkarten zufolge – nach Liebe zu einem Mann verzehrt und damit zum Gespött der Leute wird.

Bleibt eine Frau – gewollt oder ungewollt – ledig, so ist sie bis zum Lebensende ein „Fräulein“, das meist der Familie zur Last fällt, da es kaum Chancen gab, einen Beruf zu erlernen und Geld zu verdienen. Der unbekannte Karikaturist weiß vermutlich, dass er mit seiner Persiflage von Sehnsüchten einer exzentrischen „Alten“ mit der Zustimmung bürgerlicher Kreise rechnen kann, welche die Institution der Ehe für gottgegeben halten und sich ausschütten vor Lachen über jene, die dieses hohe Ziel nicht erreicht haben und sich noch im Alter nach Liebe und Zuwendung sehnen.

An Schärfe gewinnt die Darstellung noch, indem er mit dem Bildtitel „Er, der herrlichste von Allen“ einen Ausschnitt aus einem der bekanntesten Liedzyklen von Robert Schumann zitiert. Zu lesen ist die Eröffnungszeile eines Gedichtes aus „Frauenliebe und -leben“ mit Texten von Adelbert von Chamisso. In deutschen Bürgerhäusern war der Zyklus seinerzeit ein „Hit“.