Kriegsheimkehrer

Braune Relikte (44): Steppjacke aus Baumwolle.

Das Schicksal vieler deutscher Soldaten im Osten war nach 1945 ungewiss. Die Angehörigen wussten oft nicht, ob ihre Männer, Brüder und Söhne tot waren oder ob sie sich in Gefangenschaft befanden. Eine Vielzahl von Suchdiensten bemühte sich, die Schicksale der Vermissten aufzuklären. Eine wichtige Rolle spielte dabei – auch schon während des Zweiten Weltkriegs – das Internationale Rote Kreuz.

Die Institution erlaubte es Kriegsgefangenen, mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben. Trotz hoher Vermisstenzahlen und schwieriger Nachkriegsbedingungen konnten etliche Kontakte hergestellt werden. Aber nicht nur die Suche nach vermissten Soldaten stellte die Suchdienste vor eine schwierige Aufgabe, sondern auch das Auffinden vieler Angehöriger, die nicht mehr unter ihrer ursprünglichen Adresse anzutreffen waren.

Für das Gros der bei Kriegsende internierten deutschen Soldaten endete die Kriegsgefangenschaft spätestens im Jahre 1948. Sie erhielten ihre Entlassungspapiere („Certificate of Discharge“) und wurden in ihre Heimat entlassen. Lediglich die sogenannten Spätheimkehrer verbrachten zum Teil ein ganzes Jahrzehnt in sowjetischen Gefangenenlagern. Dort wurden sie zur Arbeit eingesetzt. Die letzten der deutschen Kriegsgefangenen kehrten 1956 zurück. Viele von ihnen litten an physischen wie psychischen Folgen des langjährigen Lagerlebens. Nach zehnjähriger Abwesenheit fiel etlichen von ihnen die Wiedereingliederung in die fremd gewordene Familie und die veränderte Nachkriegsgesellschaft schwer.

Etwa drei Millionen deutsche Soldaten gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Bei der abgebildeten Steppjacke aus sowjetischen Militärbeständen handelt sich um die typische Arbeitskleidung in sowjetischen KG-Lagern. Aufgrund der schlechten Versorgungslage gab es warme Kleidung im Allgemeinen erst ab 1947. Der Osnabrücker Walter Martin hatte die Jacke während seiner Kriegsgefangenschaft von Juni 1944 bis August 1945 in einem sowjetischen KG-Lager bei Swerdlowsk am Osthang des mittleren Ural erhalten. Wegen seines bedrohlichen Gesundheitszustandes wurde er bereits sehr frühzeitig entlassen und in Kohletransportzügen zurück nach Deutschland gebracht. Über Frankfurt/Oder, Tangermünde und Hannover kam er zurück in seine Heimatstadt.

Die Jackentaschen und ein Brotbeutel genügten, um seine wenigen Habseligkeiten zu transportieren: einen Metall- und einen Holzlöffel; eine aus einer Konservendose gebastelte Essenstrage; eine kleine Blechdose mit Zigarettenpapier, das sich Martin für die knappen Tabakrationen der Sorte „Machorka“ aus der zu Schulungszwecken im Lager verteilten Zeitung „Neues Deutschland“ zurechtgeschnitten hatte; eine Geldbörse aus der Vorkriegszeit; eine Rasierklinge; einen Bleistiftstummel; schließlich Nähzeug mit Reserveknöpfen und -haken, einer Sicherheitsnadel, zwei Nähnadeln und etwas Garn. Bei seiner Ankunft mit 43,5 Kilogramm Gewicht am Osnabrücker Bahnhof sank er bewusstlos in die Arme seiner Ehefrau. Als seine Tochter ihm entgegenlaufen wollte, hielt die Mutter sie nach Martins Aussagen zurück: „So’n schmuddeligen Lumpensack sollte das saubergebadete Kind doch besser nicht anfassen!“

 

Zu dieser Serie
Es ist die Geschichte einer Stadt, doch was hier geschah, ereignete sich auch in vielen anderen deutschen Städten. Die Serie „Braune Relikte“ basiert auf der Sammlung Nationalsozialismus, die sich im Museumsquartier Osnabrück befindet. Anhand von Objektbiografien wird die Geschichte des Nationalsozialismus mit seinen Ursachen und Folgen veranschaulicht. So entsteht ein virtueller Lernraum, der die Fundstücke einer Diktatur analysiert, um Lernprozesse für demokratische Gesellschaften zu ermöglichen.