Kunstvolle Leichtigkeit

Die Klavier- respektive Cembalomusik der Wiener Komponistin Marianna Martines (1744-1812) ist nur zum Teil überliefert und wahrlich nicht so umfangreich, als dass man sie nicht längst hätte einspielen können. Doch das Warten auf eine zeitgemäße, mit neu editierten kritischen Ausgaben arbeitende Einspielung hat sich gelohnt. Die Pianistin Idith Meshulam Korman und das Oxford Philharmonic Orchestra unter Cayenna Ponchione-Bailey spielen die vier Solokonzerte, drei Sonaten und die als Zugabe fungierende Sinfonia in C-Dur sehr virtuos, aber auch federleicht und höchst elegant.

Das künstlerische Talent allein hätte Marianna Martines im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert wohl noch nicht ermöglicht, ihr ganzes Leben in den Dienst der Musik zu stellen. Doch die weitverzweigten Kontakte des Vaters Nicolò Martines, der als Zeremonienmeister des päpstlichen Nuntius tätig war, und seines Freundes, des berühmten Dichters Metastasio, der Marianna und ihren Geschwistern schließlich sein Vermögen vererbte, schufen eine optimale Ausgangsposition aus guten Beziehungen und finanzieller Unabhängigkeit.

Marianna Martines wusste beides zu nutzen und mit ihrer außergewöhnlichen Begabung in Eingang zu bringen. So avancierte sie schon zu Lebzeiten zu einer hochgeachteten Protagonistin des Wiener Musiklebens, die am kaiserlichen Hof verkehrte, von Haydn unterrichtet, von Mozart bewundert und sogar in die elitäre „Accademia Filarmonica di Bologna“ aufgenommen wurde.

Das Interesse an der einst gefeierten, dann aber vollständig vergessenen Sängerin, Cembalistin und Komponistin hat erst in jüngerer Zeit wieder zugenommen. Vor fünf Jahren konnten wir bereits auf ➤ Einspielungen ihrer geistlichen Werke hinweisen, im Oktober 2023 landete die C-Dur-Sinfonia erstmals auf den Pulten der Berliner Philharmoniker und wenig später erschien eine Neuedition ihrer vier überlieferten Cembalokonzerte als Band 165 in der renommierten Reihe „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“.

Diese Ausgabe ist Grundlage der nun allerdings auf einem Bechstein-Flügel eingespielten und in London produzierten Aufnahme der vier Konzerte, die allesamt Dur-Tonarten in Szene setzen und Freunde der Wiener Klassik begeistern dürften. Idith Meshulam Korman spielt sie mit federleichtem Anschlag und virtuoser Brillanz, während das Oxford Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Cayenna Ponchione-Bailey ein klug proportioniertes, sehr filigranes Klanggewand um die wohl in den 1760er und 70er Jahren entstandenen Werke legt. Der Idee der Pianistin, „sowohl die Helligkeit und Leichtigkeit der Musik als auch ihren großartigen Klang einzufangen“, gehorcht schließlich auch die sehr transparente Aufnahmetechnik.

Auf der 2. CD bieten die drei Sonaten ebenfalls erfindungsreiche Klaviermusik auf hohem Niveau, die von Idith Meshulam Korman souverän und stilvoll dargeboten wird. Wer die rund zehnminütigen, zwischen 1762 und 69 entstandenen Kleinodien an sich vorüberziehen lässt, mag kaum glauben, dass diese Musik zwei Jahrhunderte lang in Vergessenheit geraten konnte. Den Schlussakkord liefern das Oxford Philharmonic Orchestra und Cayenna Ponchione-Bailey mit einer noblen Interpretation der Sinfonia in C-Dur, dem heute wohl bekanntesten Werk von Marianna Martines.

Marianna Martines: Klavierkonzerte G-Dur, A-Dur, C-Dur, E-Dur / Klaviersonaten A-Dur, E-Dur, G-Dur / Symphonie C-Dur, 2 CDs, Signum Classics