#lyrik: Ich bin so vielfach

Wer ständig aus der Rolle fällt oder permanent in eine andere schlüpft, stößt möglicherweise eines Tages in ungeahnte Dimensionen vor. Der Mensch kann sich schließlich immer wieder neu erfinden.

Was Zeitgenossen und Nachwelt davon halten, lässt sich schwer vorhersagen. Möglich, dass die vielen Seiten dieses wandlungsfähigen Wesens den Weg in ferne Weiten finden oder so sang- und klanglos verwehen wie ein blasses Fahnentuch.

Für das Ich, das als schillerndes Wir leben möchte, spielt das vorderhand keine Rolle. Bunt, nachtverliebt und märchenhaft schlüpft es durch Zeit und Raum – immer auf der Suche nach neuen Erscheinungsformen.

Emmy Hennings: Ich bin so vielfach

Ich bin so vielfach in den Nächten.
Ich steige aus den dunklen Schächten.
Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein.
So selbstverloren in dem Grunde,
Nachtwache ich, bin Traumesrunde
Und Wunder aus dem Heiligenschrein.
Es öffnen sich mir viele Pforten.
Bin ich nicht da? Bin ich nicht dorten?
Bin ich entstiegen einem Märchenbuch?
Vielleicht geht ein Gedicht in ferne Weiten.
Vielleicht verwehen meine Vielfachheiten,
Ein einsam flatternd, blasses Fahnentuch.

 

Die Autorin

Mit ihrem Ehemann Hugo Ball gehörte sie zu den Protagonisten der Dada-Bewegung, doch die Lebenswelten der Emmy Hennings reichten weit über das legendäre „Cabaret Voltaire“ hinaus. 1885 in Flensburg geboren verdiente sie ihr Geld als Dienstmädchen, Schauspielerin und Sängerin, Gelegenheitsprostituierte, Diseuse und Schriftstellerin. Hennings verkehrte in exzentrischen Künstlerkreisen, musste eine mehrmonatige Haftstrafe absitzen und wandte sich in den Zwanziger Jahren einem mystischen Katholizismus zu, der in zahlreichen Besuchen der angeblich stigmatisierten Bauernmagd Therese Neumann gipfelte. Neben Gedichten, Couplets und Liedern schrieb sie autobiographische Texte, aber auch Romane, Erzählungen, Märchen und Legenden. Emmy Hennings starb in ihrer Schweizer Wahlheimat am 10. August 1948.