Franz Xaver Richter (1709-89) gehörte zu den Meistern der Mannheimer Schule, die den Hof des Kurfürsten Karl Theodor Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer außergewöhnlichen musikalischen Blüte führten. Das L´Orfeo Barockorchester hat unter Michi Gaigg nun vier seiner Orchesterwerke eingespielt und dabei Besonderes zutage gefördert.
Die Sinfonien in d-Moll op.3 Nr.4 und G-Dur op.4 Nr.6 gehorchen mit ihren rasanten, virtuosen Ecksätzen und dem langsamen Mittelteil am ehesten den Standards der Mannheimer Schule, auch wenn Richters Leidenschaft für eine glanzvolle, aufwändig inszenierte Vielstimmigkeit seine Werke nicht selten über den Durchschnitt höfischer Gebrauchsmusik hebt.
In der um 1750 komponierten Sinfonie B-Dur gewinnt die Experimentierfreude dann die Oberhand. Im Finale teilt Richter das Orchester in zwei Gruppen und lässt die eine im 2/4-Takt und die andere im 3/4-Takt spielen, wobei der 1. und der 3. Violine, die eigentlich gegeneinander operieren, auch noch dieselben Noten zugewiesen sind. „La Confusione“ treibt so ein kapriziöses Verwirrspiel, das wirkungsvoll aus dem Rahmen fällt.

Am entgegengesetzten Ende des Stimmungsbarometers beginnt die Sinfonia con fuga g-Moll, eine rein instrumentale Passionsgeschichte, in der Richter die biblischen Ereignisse von der Kreuzigung Jesu bis zu Auferstehung und Himmelfahrt nachzeichnet. Der aufwändige, rund 13-minütige Eingangssatz beeindruckt durch seine ausgefeilte musikalische und dramaturgische Konzeption – und durch die eminent lebendige, ebenso punktgenaue wie elektrisierende Darbietung des L´Orfeo Barockorchester, das sich unter der Leitung seiner Gründerin und Dirigentin Michi Gaigg auf dem gesamten Album in Höchstform präsentiert.
Das auf außergewöhnliche Raritäten spezialisierte Label cpo, das Richters Werke schon mehrfach aus dem Schatten der Musikgeschichte befreite, dokumentiert hier erneut eine Reihe exquisiter Fundstücke, die absolut repertoiretauglich sind.
Franz Xaver Richter: Sinfonia con fuga g-moll BoeR 29, Sinfonie B-Dur BoeR deest (ca. 1750), Sinfonien d-Moll op. 3 Nr. 4 (BoeR 56) & G-Dur op. 4 Nr. 6 (BoeR 25), cpo


