Romancier an der Abbruchkante

Aufgelesen (1): Friedrich Spielhagens Roman „Problematische Naturen“.

Dass Friedrich Spielhagen dem 19. Jahrhundert im Gedächtnis blieb, ist wahrlich kein Zauberwerk. Brauchte es doch ein beträchtliches Stück Lebenszeit, um seine monumentalen zeitgeschichtlichen Panoramen an sich vorüberziehen zu lassen. Heute ist einer der prominentesten Vertreter des deutschen Realismus nur noch ein Fall für Spezialisten.

Und das völlig zu Recht, meinte der Journalist Benedikt Erenz, der 2008 öffentlich mit Spielhagen Schluss machte und seine Lektüre des Romans „Problematische Naturen“ auf Seite 384 abbrach. Weit vor der Ziellinie, denn Zu-Ende-Leserinnen und -Leser müssen von da an weitere 800 Seiten hinter sich bringen. Und dann noch einmal das Doppelte. Der zweite Teil mit dem deutlich phantasieärmeren Titel „Durch Nacht zum Licht“ erstreckt sich über eine ähnliche Distanz.
Für Erenz war das schlichtweg zu viel, auch wenn er Manches „nicht unwitzig“ und „nicht unspannend“ fand und hier und da sogar feststellen musste, dass „ein wirklich erfrischender Satz“ um die Ecke kam.

Die problematischste Natur ist Oswald Stein, der zu Beginn des Romans eine Hauslehrer-Stelle auf dem fiktiven Schloss Grenitz annimmt. Stein entwickelt neben persönlichen auch gesellschaftliche und politische Ambitionen und gerät in immer schärfere Konflikte mit einer degenerierten Oberklasse. Dabei fühlt sich der fanatische Adelshasser nicht nur zu seinen Standesgenossen, sondern auch zu manchen Blaublütern hingezogen – etwa zu der faszinierend undurchsichtigen, von schweren Schicksalsschlägen getroffenen Melitta, dem egozentrischen Baron Oldenburg oder der ätherischen Helene, die als Projektionsfläche für allerlei vage Aussichten dient.

Doch Stein gelingt es nicht, seine Beziehungen auf ein tragfähiges Fundament zu stellen und eine überzeugende Idee, wie die Gesellschaft neu und besser zu ordnen wäre, will sich ebenfalls nicht einstellen. So endet der Weg des verzweifelten Idealisten 1848 auf den Barrikaden von Berlin.

Problematische Naturen seien keiner Lage gewachsen, in der sie sich befinden, es tue ihnen aber auch keine genug. Und eben daraus entstehe „der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt“, stellte Johann Wolfgang Goethe 1821 fest. Spielhagen entwickelte diesen Gedanken zum Porträt eines Revoltierenden, der die Kritik am Heute präzise formulieren und trotzdem keinen Blick auf das Morgen eröffnen kann. Dieser offensichtlich zeitlose Ansatz mag noch nicht genügen, um über Seite 384 hinaus zu lesen.

Doch Spielhagen hat auch eine Fülle einfallsreicher, gekonnt arrangierter Szenen zu bieten. Oswalds schwer verdauliches Mittagessen beim bigotten Pastor Jäger und seiner dichtenden Ehefrau Primula bleibt lange in Erinnerung. Aber auch die absurde Adelsfeier im Hause von Barnewitz oder das „dramatische Kränzchen“ im Hause des Gymnasialdirektors Clemens zeigen Spielhagen als scharfzüngigen und höchst unterhaltsamen Erzähler.

Der dünne Firnis äußerlicher Kultur, aus welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand, begann von den Strömen Weines, die unaufhörlich flossen, in einer erschreckenden Weise heruntergespült zu werden, und die nackte, trostlose dürftige Natur kam überall zum Vorschein.

Opulentes Gesamtwerk

Der Roman war ein Frühwerk des 1829 in Magdeburg geborenen Schriftstellers, der 1911 in seiner Wahlheimat Berlin starb. Dem durchschlagenden Erfolg der „Problematischen Naturen“ ließ Spielhagen Novellen, erzähltheoretische Schriften und eine Vielzahl weiterer, zumeist umfangreicher Prosawerke folgen, in denen er sich mit der Entwicklung Preußens, den Schattenseiten der Gründerzeit, gesellschaftlichen Umwälzungen und den sozialen Folgen der Industrialisierung auseinandersetzte.

An „Die von Hohenstein“ (1864), „In Reih‘ und Glied“ (1867), „Hammer und Amboß“ (1869) oder „Opfer“ (1900) erinnern heute nur noch Lexika und auch Spielhagens mutmaßliches Hauptwerk, der wirtschafts- und gesellschaftskritische Roman „Sturmflut“ (1877), darf kaum auf eine Wiederentdeckung hoffen.

Das Original lesen

Die ersten vier Bände der „Problematischen Naturen“ finden sich als Digitalisat der Erstausgabe von 1861 im Deutschen Textarchiv: www.deutschestextarchiv.de