Schwermütiges, Elegantes und schlichtweg Geniales

Noch bevor sie ihr Bachelorstudium bei Julia Fischer endgültig abgeschlossen hatte, warteten auf Valerie Steenken bereits hochkarätige Aufgaben. Im April 2023 wurde sie zur jüngsten Konzertmeisterin in der Geschichte des „Orquesta y Coro Nacionales de España“ ernannt. Kein Wunder also, dass auch ihr CD-Debüt in jeder Hinsicht Außergewöhnliches bietet. Mit dem mexikanischen Pianisten Ricardo Alí Álvarez präsentiert sie Violinsonaten von Ottorino Respighi, Manuel María Ponce und Richard Strauss.

Auch nach mehrmaligem Hören liegt Ottorino Respighis 1917 entstandene Violinsonate recht schwer im Magen. Komplex ist sie, zweifellos. Virtuos und anspruchsvoll sowieso. Aber der musikalische Funke zündet oft nur taktweise und verliert sich dann wieder in verschlungenen, weltfernen Melodiebögen. Der um exzessive Dramatik allzu bemühte Klavierpart und der barocke Ornat, der sich in der wuchtigen Passacaglia selbst zu überglänzen versucht, wirken ein wenig aus der Zeit gefallen und erwecken bisweilen den Eindruck, hier würde – (noch) ohne durchschlagenden Erfolg – versucht, eine innere Notwenigkeit herzustellen. Aus Interpretensicht spricht deshalb nichts dagegen, die eigenen technischen Fertigkeiten in ihrer ganzen Bandbreite vorzustellen. Valerie Steenken macht von dieser Möglichkeit ausgiebig Gebrauch und fesselt den Hörer länger als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Trotzdem lässt einen dieser spätromantische Brocken auch diesmal etwas ratlos zurück.

Smart, schillernd und elektrisierend erscheint dagegen die „Sonate breve“, die der mexikanische Komponist Manuel María Ponce 1930 in Paris schrieb. Valerie Steenken und Ricardo Alí Álvarez spielen das kaum zehnminütige Stück ohne jede Erdenschwere als geist- und farbenreiche Hommage an den französischen Neoklassizismus. Das furiose „Allegro alla spagnuola“ könnte tatsächlich schon als exzeptionelle Zugabe gelten, aber das eigentliche Highlight folgt natürlich noch.

Richard Strauss war 23 Jahre – ziemlich genau so alt wie seine aktuelle Interpretin – als er der imponierenden Reihe früher Geniestreiche mit der Violinsonate in Es-Dur einen weiteren hinzufügte. Das 1887 komponierte Werk besticht nicht nur durch formale Souveränität und (klang)technisches Raffinement, es atmet geradezu den Geist seiner Entstehungszeit. Valerie Steenken und Ricardo Alí Álvarez lassen in ihrer wunderbar aufeinander abgestimmten, stets flüssigen, aber auch höchst gediegenen Interpretation die betäubenden Klangwolken wieder aus dem Fin de siècle aufsteigen. Die vielen Freunde des hinreißenden „Andante cantabile“ dürfen sich auf eine besonders deliziöse Darbietung freuen.

Ottorino Respighi: Violinsonate h-Moll / Manuel María Ponce: Sonata breve für Violine & Klavier / Richard Strauss: Violinsonate op. 18, IBS