Stolpersteine

Braune Relikte (45): Stolperstein für Heinz Foitzick.

1996 begann der Kölner Künstler Gunter Demnig in Berlin-Kreuzberg ein beispielloses Projekt. Mit der Verlegung von Stolpersteinen brachte er engagierte Bürgerinnen und Bürger dazu, aktiv über die Opfer des Nationalsozialismus in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu recherchieren und diesen Menschen wieder einen Namen, eine Geschichte und damit ein öffentliches Gedächtnis zu geben. Heute formen in mehr als 30 europäischen Ländern über 100.000 Stolpersteine das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

In Osnabrück beschloss der Rat nach längeren kontroversen Diskussionen in den politischen Gremien im Dezember 2006, sich an der Verlegung von Stolpersteinen in Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes zu beteiligen. Der erste Stein wurde am 15. November 2007 verlegt. Bis heute wurden mehr als 300 Steine installiert, die an dem jeweiligen Wohnort der Menschen oder ihrer Arbeitsstätte an die ehemaligen Nachbarn erinnern. Finanziert wird das Projekt über Patenschaften. Viele Privatpersonen, aber auch Schulen, Kirchengemeinden, Vereine oder Firmen übernehmen die Kosten für einen Stolperstein. Die Paten beteiligen sich an der Gestaltung der Verlegungen. Zudem unterstützen Schülerinnen und Schüler die Pflasterarbeiten. Das Projekt zeichnet sich durch eine große Akzeptanz und öffentliche Wahrnehmung aus.

Die auffällig hohe und konstante Beteiligung an dem Projekt lässt sich vermutlich damit erklären, dass sich ihr partizipativer Charakter motivierend auf die teilnehmenden Personen auswirkt. Durch die aktive Einbindung steigt die Bereitschaft, sich mit dem Thema auch emotional auseinanderzusetzen. Hierdurch wird in unterschiedlichen Generationen ein Bewusstsein für die historische Verantwortung geschaffen. Insbesondere Beteiligungsprojekte im Bereich Erinnerungskultur wie die Stolpersteinaktionen sind auch Projekte der Demokratiebildung. In Abgrenzung zu den Jahren 1933-1945 werden hier demokratieunterstützende Werte kommuniziert.

Die Verlegung ist aus unterschiedlichen Gründen nicht unumstritten. In München werden beispielsweise auf Initiative der dortigen jüdischen Gemeinde im öffentlichen Raum bewusst keine Steine verlegt, weil nicht erwünscht ist, dass auf die Steine getreten werden kann. Stolpersteine gibt es hier nur auf privatem Grund, ansonsten erinnert die Stadt mit Wandtafeln und Stelen „auf Augenhöhe“ an die Verfolgten des Nationalsozialismus.

In ganz Deutschland beteiligen sich gleichwohl weit über das 1.000 Kommunen an dem Projekt, das leider auch immer wieder Angriffen ausgesetzt ist. So wurde der Stein für den Osnabrücker Heinz Foitzick kurz nach seiner Verlegung am 21. März 2012 von Unbekannten gestohlen und musste deshalb neu angefertigt werden. Foitzick (Kurzbiographie auf der Seite ➤ www.stolpersteine-guide.de) wurde von den Nationalsozialisten als „Halbjude“ und „Asozialer“ verfolgt und kam im Dezember 1941 im KZ Groß-Rosen ums Leben.

 

Zu dieser Serie
Es ist die Geschichte einer Stadt, doch was hier geschah, ereignete sich auch in vielen anderen deutschen Städten. Die Serie „Braune Relikte“ basiert auf der Sammlung Nationalsozialismus, die sich im Museumsquartier Osnabrück befindet. Anhand von Objektbiografien wird die Geschichte des Nationalsozialismus mit seinen Ursachen und Folgen veranschaulicht. So entsteht ein virtueller Lernraum, der die Fundstücke einer Diktatur analysiert, um Lernprozesse für demokratische Gesellschaften zu ermöglichen.