Wahn – Der verschwundene Ort

Ein Besuch Adolf Hitlers am 10. Juni 1936 auf dem Schießplatz Meppen bedeutete das Ende der über 900-jährigen Geschichte des Ortes Wahn im Emsland. Etwa 1000 Menschen mussten der Erweiterung des Schießplatzes weichen. Dabei hatten sie erst fünf Jahre vorher mit einer gewaltigen Kraftanstrengung den Kirchturm der St. Antonius Kirche fertigstellen können. Der „Dom des Hümmling“ sollte ein in den Himmel ragendes Symbol der Behauptung gegenüber den raumgreifenden Interessen des Militärs sein.

Dem seit 1847 Waffen produzierenden Rüstungsunternehmen Krupp in Essen ging in den 1870er Jahren der Platz aus. Die bisher genutzten Flächen konnten mit der erzielten Reichweitensteigerung längst nicht mehr mithalten. Die Wahl Krupps fiel auf ein Gebiet nördlich der Stadt Meppen. Die dünne Besiedelung des Emslandes sowie der Anschluss an die Bahnstrecke aus dem Ruhrgebiet nach Emden waren unschlagbare Argumente für die Anlage eines neuen Schießplatzes.
Vor geladenen Gästen demonstrierte die Firma Krupp immer wieder die Fortschritte ihrer Waffenentwicklung.

Die Schießvorführung vom 5. bis 8. August 1879 ging als das „Völkerschießen von Meppen“ in die Geschichte ein. In der Folge wurden hier auch Geschütze für die Kaiserliche Kriegsmarine ausprobiert, oftmals unter den Augen des eigens angereisten Kaisers Wilhelm II. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs erlosch der Betrieb auf dem Schießplatz zunächst, bevor er dann ab 1927 wieder aufgenommen wurde und nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 eine völlig neue Intensität erreichte.

Zunächst lag der Ort Wahn außerhalb der Schießentfernung. Dies änderte sich aber mit zunehmender Optimierung der Waffen. Immer wieder kam es deshalb zu Treffern in Wahn. So wurde 1916 versehentlich das Pfarrhaus von einer Granate zerstört. „Es wurden deshalb vier Bunkerunterstände gebaut, in denen die Wahner bei Schießübungen Schutz suchen konnten,“ erzählt Joachim Gehrs vom Heimatverein Sögel. Eine bereits zu diesem Zeitpunkt diskutierte Zwangsumsiedlung des gesamten Ortes wurde durch das Kriegsende vorerst von der Agenda gestrichen.

Die neue St. Antoniuskirche

Die Einwohner Wahns atmeten auf. Hatten sie doch in den zurückliegenden 15 Jahren unter größtem materiellen und körperlichen Einsatz den im Mai 1900 in weiten Teilen einem Brand zum Opfer gefallenen Ort gerade erst wieder aufgebaut. Im Neubau der für ein Dorf verhältnismäßig großen, im barocken Stil konzipierten St. Antonius Kirche sahen wohl auch viele Dorfbewohner ein Wahrzeichen, das die Diskussion um eine Zwangsumsiedlung ein für alle Mal beenden würde. 1926 wurde der 37 Meter lange und 17 Meter breite „Dom des Hümmling“ eingeweiht. Bis zu 800 Menschen fanden im Innenraum Platz. 1931 konnte dann auch der weithin sichtbare Kirchturm feierlich eingeweiht werden.

Die Bewohner Wahns hatten ihre Pläne aber ohne die kriegstreibenden Machthaber gemacht. Bei einem Treffen Adolf Hitlers mit Vertretern der Firma Krupp am 10. Juni 1936 auf dem Schießplatz Meppen wurde das endgültige Aus Wahns beschlossen. Der über 900 Jahre bestehende Ort musste der Waffenindustrie weichen. Eine Diskussion dieses Befehls war nicht vorgesehen, so dass 1939 die ersten Wahner ihre Heimat verließen. „Die ersten, die Wahn den Rücken kehrten, waren die Großbauern“, erzählt Gehrs. Ein Großteil von ihnen siedelte nach Mecklenburg um, auf ihnen dort zugewiesene Landgüter. Bis März 1943 hatten alle 177 Familien den Ort verlassen und sich an anderer Stelle niedergelassen. Neuansiedlungen entstanden in der Nähe beispielsweise in Rastdorf und der Gemeinde Lathen im dort neu geschaffenen Ortsteil Wahn. Elf Familien wurden nach Belm bei Osnabrück umgesiedelt, andere in die Nähe Tecklenburgs, an den Niederrhein und bis nach Schlesien.

Grundstück der Familie Dierkes, die von Wahn nach Rastdorf ziehen musste – zur Zeit der Umsiedlung und heute

Kaum hatte der letzte Bewohner den Ort verlassen, wurde mit der Zerstörung der Häuser begonnen. Die Überreste seien begehrtes Baumaterial gewesen, berichtet Gehrs. In der Emszeitung warnten 1941 Anzeigen der Reichsumsiedlungsgesellschaft vor dem unerlaubten Betreten Wahns sowie dem Diebstahl der baulichen Überreste und drohten ernsthafte Konsequenzen an. Nicht ganz uneigennützig, wie eine weitere 1941 in der Emszeitung abgedruckte Anzeige erkennen lässt. Die Reichsumsiedlungsgesellschaft kündigte Termine für den „Verkauf von Fenstern, Türen, Brennholz, einigen Schuppen u.a. aus den Abbrüchen in Wahn gegen bar“ an.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten die baulichen Überreste wieder in den Fokus der Bevölkerung aus der Umgebung. „Außerdem setzte ein regelrechter Obsttourismus ein“, weiß Gehrs zu berichten. Es hätten ja in den Gärten immer noch zahlreiche Obstbäume gestanden, deren Ernte eine begehrte Beute waren. „Die Keller und Ruinen zogen natürlich auch viele Kinder und Jugendliche an“. Im Juli 1957 übernahm die Bundeswehr den vormaligen Schießplatz und bereitete dem Treiben ein Ende. Der einstige Ort wurde eingeebnet und in Teilen aufgeforstet. Seitdem befindet sich dort die „Wehrtechnische Dienststelle für Waffen und Munition (WTD Wehrtechnische Dienststelle 91)“, deren Aktivitäten zu regelmäßigen Straßensperrungen und erheblichem Gefechtslärm führen.

Die einstigen Wahner (von ihnen leben aktuell noch fünf!) und ihre Nachfahren stören diese Unannehmlichkeiten inzwischen nur noch, wenn sie zum jährlichen Wahner Treffen kommen. „Seit 1971 treffen sich ehemalige Wahner, ihre Nachfahren und Interessierte jährlich am dritten Sonntag im Juni am Standort der ehemaligen Kirche. Dort findet eine Gedenkfeier mit einem Gottesdienst statt, der vom Pastor aus dem benachbarten Clemenswerth gehalten wird,“ erläutert Norbert Holtermann, Vorsitzender des Heimatvereins Lathen-Wahn e. V. Er zeichnet gemeinsam mit Joachim Gehrs nicht nur für Organisation und Durchführung der Jahrestreffen verantwortlich. Beide sind zudem maßgebliche Kräfte hinter den Bemühungen, die Erinnerung an den einstigen Ort Wahn am Leben zu erhalten. Dazu gehört die ausdauernde Suche nach Text- und Bildquellen, die sowohl das Leben in Wahn als auch die Zwangsumsiedlung dokumentieren sowie deren Aufbereitung und Veröffentlichung.

Gedenkstein für den Ort Wahn

Der Erhalt und die Pflege der noch vorhandenen Überreste Wahns, des Friedhofs, der Grundmauern der Kirche und der alten Dorfstraßen gehören ebenfalls zu den Aufgaben, denen sich eine Gruppe Engagierter verpflichtet fühlt. Dank eines umfangreichen Onlinearchivs, wieder freigelegter Kirchenfundamente und der Anlage eines Rundweges entlang der ehemaligen Hofstellen ist es gelungen, den Erinnerungsort Wahn bis heute mit Leben zu erfüllen.

Weitere Informationen:
Erinnerungsort Wahn: Heimatverein Lathen-Wahn e.V., Wahner Straße 30, 49762 Lathen-Wahn, E-Mail: info@erinnerungsort-wahn-huemmling.de, Homepage ➤ www.erinnerungsort-wahn-huemmling.de